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Robert Lorenz: Oskar Lafontaine : Saarbrücker Schwatzkanzler

  • -Aktualisiert am

Lafontaine, Brandt, Scharping und Schröder am 13. Juni 1987 in Bonn Bild: SvenSimon

Eine neue Biographie über die präzedenzlos vielseitige Karriere von Oskar Lafontaine wird der unberechenbaren Sprunghaftigkeit des früheren SPD- und heutigen Linken-Politikers gerecht.

          Das Urteil ist vernichtend. Dabei hat der Göttinger Politikwissenschaftler Robert Lorenz keine Demontage Oskar Lafontaines im Sinn. Ihm geht es um das authentische Porträt eines Mannes, der gerade siebzig geworden ist und in der Bundespolitik so ziemlich alles erreicht hat, was man erreichen kann - von den drei höchsten Ämtern im Staat einmal abgesehen: Bundespräsident und Bundestagspräsident hat Lafontaine nach allem, was wir wissen, wohl nicht werden wollen, und am Versuch, Bundeskanzler zu werden, ist er zwei Mal gescheitert: das erste Mal am Wähler, das zweite Mal an Gerhard Schröder.

          Lorenz präsentiert die Geschichte eines ungewöhnlich bewegten Lebens als Essay und wird damit der „unberechenbaren Sprunghaftigkeit“ seines Helden in hohem Maße gerecht. Eine fundierte Biographie wird man von dem gut lesbaren, gedankenreichen Buch nicht erwarten dürfen. Zumal sich Lorenz im Wesentlichen auf „Porträts und Berichte zu zentralen Ereignissen in Lafontaines Vita“ aus überregionalen Tages- und Wochenzeitungen stützt. Unveröffentlichtes Material hat er nicht eingesehen, mit Lafontaine hat er nicht gesprochen und mit Weggefährten, Profiteuren und Opfern des „Rätselhaften“ auch nicht.

          Aber vielleicht wäre das auch zu viel verlangt. Immerhin hat Lafontaine eine präzedenzlos vielseitige Karriere hinge-legt: Oberbürgermeister von Saarbrücken, saarländischer Ministerpräsident und Bundesfinanzminister ist er gewesen, zwei Mal war er Mitglied des Deutschen Bundestages, drei Mal gar hat er eine Partei im saarländischen Landtag vertreten, und hier wie dort hat er eine Fraktion geführt. Vor allem aber ist Lafontaine zweimal Bundesvorsitzender einer im Bundestag vertretenen Partei gewesen - zunächst der SPD, dann der Linken, und das innerhalb von nur zehn Jahren. Eine in der bald fünfundsechzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik einmalige „politische Trophäensammlung“ und eine ebenso beispiellose „Gleichzeitigkeit von Schöpfung und Zerstörung“, die diesem Leben „etwas Flüchtiges, Vergängliches verleiht“.

          Denn was bleibt nach sieben Jahrzehnten unter dem Strich - von Trümmerlandschaften einmal abgesehen? Robert Lorenz gibt sich alle Mühe, arbeitet am Bild eines hochbegabten und blitzgescheiten, redegewandten und auch charismatischen Mannes. Der aber entzieht sich dem aufrichtigen Bemühen seines Biographen mit einem geradezu unwiderstehlichen Drang zur Autodestruktion. So ist das wohl mit „unberechenbaren“ und „unzuverlässigen“, „disziplinlosen“ und dabei hemmungslos „autoritären“, „ungeduldigen“ und zugleich „überheblichen“ Menschen wie diesem Oskar Lafontaine. Sie zerstören alles, womit sie in Berührung kommen, am Ende auch sich selbst.

          So gesehen, war Lafontaines spektakulärer Rückzug vom Parteivorsitz, aus dem Bundesfinanzministerium und aus dem Deutschen Bundestag am 11. März 1999 kein Zufall. Zufall war hingegen sein Griff nach dem Parteivorsitz auf dem Mannheimer Parteitag der SPD. Denn nachdem sich Lafontaine Mitte November 1995 „blitzartig“ an die Spitze gesetzt hatte, fand er sich unversehens in einer „schwermütigen, unheimlichen Leere wieder“. So sieht das Lorenz und übersieht dabei, dass Lafontaine im Vorfeld sehr wohl an eine Ablösung Rudolf Scharpings gedacht und im Schulterschluss mit Gerhard Schröder an der Demontage des Parteivorsitzenden gearbeitet hat.

          Dass die beiden nicht mit einem Umsturzplan nach Mannheim gekommen sind, ist wohl wahr. Und richtig ist auch, dass Lafontaine zwei Mal - 1987 und 1990 - den angetragenen Parteivorsitz abgelehnt hat. Aber kann man daraus schließen, dass die SPD-Mitgliedschaft für Lafontaine „nie Herzensangelegenheit oder familiäres Traditionsangebot“, sondern stets nur „eine instrumentelle, pragmatische Angelegenheit“ gewesen ist? Das klingt abwegiger, als es womöglich ist. Immerhin hat „Oskar“ die SPD nicht nur dreieinhalb Jahre nach dem Coup von Mannheim wortlos im Sich gelassen, sondern dann auch mit dem Austritt aus der SPD, der Kandidatur für die linke Wahlalternative und der Mitgründung der Linkspartei entscheidend dazu beigetragen, dass die Sozialdemokratie für einen langen Augenblick in den Abgrund schaute.

          Am Anfang dieses beispiellosen Zerstörungsprozesses stand die Überforderung - mit einem Amt und mit dem Rivalen. Der größte Triumph, der Wahlsieg von Rot-Grün im Herbst 1998, war der Anfang vom Untergang des Oskar Lafontaine. Wer den stammelnden Finanzminister auf der Bundespressekonferenz gesehen oder erlebt hat, wie Gerhard Schröder den neben ihm sitzenden selbsternannten „Schatzkanzler“ öffentlich belehrte „Es fehlt der Schatz, und der Kanzler bin ich“, der weiß, warum dieser Mann die Flucht antreten musste.

          So einer sucht die Ursachen und Gründe für sein spektakuläres Scheitern niemals bei sich. Oskar Lafontaine fand sie in allen möglichen Umständen, vor allem aber bei dem, der schließlich als Sieger aus einem jahrelang, mal öffentlich, mal hinter den Kulissen ausgetragenen Machtkampf hervorgegangen war. Eben weil er selbst 1990 als Kanzlerkandidat krachend gescheitert war und weil er besser als mancher andere wusste, dass Gerhard Schröder nach seinem triumphalen Sieg als bedeutender Kanzler in die Geschichtsbücher eingehen könnte, verlegte er sich auf das, was er nun einmal am besten kann. Dass ihm das Zerstörungswerk nicht gelungen ist, spricht für die Statur dieses Kanzlers und die Kraft seiner Agenda.

          Robert Lorenz: Oskar Lafontaine. Portrait eines Rätselhaften. Monsenstein und Vannerdat Verlag, Münster 2013. 196 S., 11,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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