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Robert Habeck : Grüner Nordwind

Robert Habeck 2013 in Rendsburg Bild: dpa

Die Botschaft ist klar. Politiker „bewerben sich ja faktisch um das Mandat, die Wirklichkeit zu verändern“. Genau das will der Kieler Landwirtschaftsminister Robert Habeck. Er spürt dazu in sich Kraft und vor allem Freude.

          Robert Habeck ist ein toller Mensch und ein interessanter Politiker. Er möchte Spitzenkandidat seiner Partei, der Grünen, für die Bundestagswahl werden. Derzeit ist er noch Minister für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt in Schleswig-Holstein. Der Spitzenkandidat wird durch eine Urwahl bestimmt. Habeck muss sich gegen Cem Özdemir, den Parteivorsitzenden, und Anton Hofreiter, den Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, durchsetzen. Dafür will er bei seinen eigenen Leuten bekannter werden. Dem dient auch sein Buch „Wer wagt, beginnt“.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit Habeck in der Politik ist, seit gut einem Jahrzehnt, hat er sein Tun in Büchern reflektiert. Er hat seiner Partei den „Patriotismus“ angedient - ohne durchschlagenden Erfolg. Er hat über „Verwirrte Väter“ nachgedacht, weil er selbst einer war. Bevor er sich in derartigen politischen Schriften entlud, hatte er als ernsthafter Schriftsteller gearbeitet, und zwar in einer Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit Andrea Paluch. „Wer wagt, beginnt“ ist nicht nur mit Blick auf die Spitzenkandidatur geschrieben, sondern auch gewissermaßen ihr Produkt. Denn auf seinen Reisen kreuz und quer durch Deutschland half Habeck das Schreiben über alle Unbill aus Bahnhofs- und Hotelaufenthalten, verspäteten Zügen und sonstigen Reiseabenteuern hinweg.

          Der Autor lebt in Flensburg. Sein Buch hebt an mit dem Satz: „Vom Norden aus liegt der Rest der Republik ganz schön abseits.“ Auf dem Buchumschlag steht Habeck am Ufersaum des Meeres. Er hat die Arme weit geöffnet, er umarmt die Welt. Das Buch besteht aus Skizzen, an deren Anfang zumeist private Erlebnisse stehen und die mit allgemeinen Einsichten enden. Etwa so: Seine erste freiwillige Philosophie-Lektüre waren Essays von Albert Camus, unter anderem mit dem berühmten Satz von Sisyphos als glücklichem Menschen. Das Kapitel endet: „Aber man muss sich den Politiker als glücklichen Menschen vorstellen.“ Oder: Als 16 Jahre alter Junge wurde er mit dem Reaktorunglück von Tschernobyl konfrontiert, weil er nicht mehr unbeschwert durch den Sommerregen tanzen durfte. Der Text mündet in den Satz: „Die Energiewende ist die Rückkehr des Prinzips Verantwortung in die deutsche Energiepolitik.“

          Habeck schreibt einen süffigen Stil, dem sich der Leser willig hingibt. Und immer, wenn er doch einmal Einspruch erheben möchte und gern diskutieren würde, hat es ihn schon weitergetragen wie bei einem Flug über eine Klippenlandschaft. Hinweg über Europa, Deutschland, die Welt, Schleswig-Holstein und natürlich vor allem die Welt der Grünen. Von einem dritten Zeitalter der Grünen schreibt Habeck: „Nicht mehr Protestpartei, nicht mehr Projektpartei, sondern Orientierungspartei.“ Oh je, was heißt das? Egal, schon sind wir eine Seite weiter bei Platons Höhlengleichnis und Habecks Abitur. Viele Seiten später freut sich der Autor, dass durch die Flüchtlinge das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt, „die Zuwanderung ist schon jetzt ein kleines Konjunkturprogramm“. Aber hatte er nicht eben noch das BIP als untaugliche Kennziffer gebrandmarkt, weil es allein auf Wachstum setze? Egal, zurückblättern lohnt nicht.

          Die Botschaft ist sowieso klar. Politiker „bewerben sich ja faktisch um das Mandat, die Wirklichkeit zu verändern“. Genau das will Habeck. Er spürt dazu in sich Kraft und vor allem Freude. Er will wieder mehr Leidenschaft in der Politik, weg von der „demonstrativen Leidenschaftslosigkeit“, die er bei Angela Merkel sieht. Er hat auch Lust darauf, Krisen politisch zu bewältigen, am besten gleich weltpolitisch. Was für eine selbstbewusste Selbstbeschreibung: „In solchen Zeiten werden Politiker gewählt, die eine Souveränität im Umgang mit Herausforderungen ausstrahlen, die nicht als Erstes einen Beschluss ihrer Partei von vor vier Jahren lesen, der ihnen sagt, was sie zu tun haben.“ Die Grünen mit ihren Realos und Fundis können sich auf so einen freuen und müssen sich zugleich, wie man so sagt, warm anziehen. Und für alle anderen ist klar: Habeck hält sich mit den austarierten Befindlichkeiten seiner Partei nicht weiter auf, er ist ein handfester Kerl. Er kommt auch auf Schwarz-Grün zu sprechen, biegt das Thema aber gleich wieder ab mit dem üblichen Hinweis: Es gehe zunächst um grüne Inhalte, nicht um Koalitionen. So bleibt alles in der Schwebe.

          Wie viele Definitionen des Politischen mag es in dem Buch geben? Aber die eine kommt nicht vor: dass Politik zuerst einmal die Durchsetzung von Interessen ist. Auch Habecks Buch ist schließlich Politik. Es ist sogar das typische politische Buch - auf einen Zweck hin geschrieben, die Spitzenkandidatur, danach vermutlich Grabbelkiste. Und weil das so ist, hat Habeck es wohl auch so rasch dahingeschrieben mit Sätzen wie: „Probleme gibt es genug. Man muss sich ihnen nur stellen wollen.“ Oder: „Aber wenn es richtig ist, dass es in der Politik überhaupt nicht um Wahrheit, maximal um Wahrheit, also um Meinungen und den Widerstreit um sie geht, dann kann es auch keine Wertneutralität in der Methodik zur Bestimmung der richtigen Politik geben.“ Uff! Legt man die mit Andrea Paluch verfassten Romane neben „Wer wagt, beginnt“, fällt deren genaue, von allem Zierrat befreite Sprache auf, der Paluch-Habeck-Ton, wie manche damals schon sagten. Dagegen ist „Wer wagt, beginnt“ geschwätzig. Und leider geht das schon beim Titel los.

          Robert Habeck: Wer wagt, beginnt. Die Politik und ich. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 288 S., 14,99 €.

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