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Rettung jüdischer Kinder : Todesmutiges Netzwerk

  • -Aktualisiert am

Irena Sendler am 14. März 2007 in Warschau Bild: Reuters

Schon vor 1939 arbeitete Irena Sendler nach ihrem Studium an der Freien Polnischen Universität aus sozialpolitischer Überzeugung in städtischen Sozialämtern. Kolleginnen aus der Wohlfahrtstätigkeit und ehemalige Kommilitonen engagierten sich wie Irena während der deutschen Besatzung im Widerstand. Fast alle der von ihnen geretteten Kinder stammten aus assimilierten jüdischen Familien mit berufstätigen Eltern, darunter befanden sich viele aus dem Freundes- und Bekanntenkreis.

          Das Thema des Buches ist zweifelsohne eminent wichtig. Es handelt von der Rettung von rund 2500 jüdischen Kindern aus dem Warschauer Getto, um sie vor dem Abtransport nach Treblinka zu bewahren, wo auf sie der sichere Tod gewartet hätte. Im Zentrum steht einerseits eine der wichtigsten Protagonistinnen dieser Rettungsaktion, Irena Sendler, andererseits wird ihr Freundes- und Kollegenkreis in die Darstellung einbezogen, denn ohne dieses Netzwerk wäre es unmöglich gewesen, die Kinder nach der Flucht aus dem Getto in katholischen Waisenhäusern und polnischen Familien unterzubringen. Sendler stammte – wie ihre Mitaktivisten – aus einem gemischt christlich-jüdischen liberalen bürgerlichen Milieu. Schon vor 1939 arbeitete sie nach ihrem Studium an der Freien Polnischen Universität aus sozialpolitischer Überzeugung in städtischen Sozialämtern. Kolleginnen aus der Wohlfahrtstätigkeit und ehemalige Kommilitonen engagierten sich wie Irena im Widerstand. Fast alle der geretteten Kinder stammten aus assimilierten jüdischen Familien mit berufstätigen Eltern, darunter befanden sich viele aus dem Freundes- und Bekanntenkreis.

          Mit ihrer Fluchthilfe gefährdeten die Widerständler nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familien. Die Gestapo ging mit ungeheurer Brutalität gegen sie vor: Viele wurden verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Die Protagonistin des Buches flog ebenfalls auf und wurde im berüchtigten Pawiak verhört und misshandelt. Sendler ertrug die Folter, gab nichts preis, vor allem nicht die Listen der Kinder, die sie versteckt hatte. Auf diesen Listen, die auch andere Helfer erstellten, standen die jüdischen Namen der Kinder und ihre neue katholische Identität. Nach dem Krieg sollte es so den Familien möglich sein, ihre Kinder, die partiell als Säuglinge und Kleinkinder aus dem Getto geschleust worden waren, wiederzufinden. Die Mehrzahl sollte ihre Eltern aber nie wiedersehen.

          Was dieses Netzwerk für die Kinder geleistet hat, war todesmutig und steht als Vorbild für selbstloses, menschliches Handeln in Zeiten von Terror, Gewalt und Grausamkeiten. Aber was bringt uns dieses Buch Neues? Frau Sendler und ihre Mitstreiter wurden erst nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems „entdeckt“, dann aber gründlich. Seit rund dreißig Jahren wächst die Zahl der zugänglichen Quellen und Publikationen über den polnischen Widerstand. 2004 erschien eine solide gearbeitete Biographie von Anna Mieszkowska über Irena Sendler, die aus dem Polnischen übersetzt wurde. Sie konnte die hochbetagte Dame noch interviewen und ein überaus lesenswertes sachliches Lebensbild erstellen. Das Buch von Tilar J. Mazzeo bietet schwerverdauliche Kost. Bisher trat die studierte Literaturwissenschaftlerin mit Publikationen über die Witwe Cliquot oder das Geheimnis von Chanel Nr. 5 hervor. 2014 erschien ein Buch über das Hotel Ritz in Paris während der nationalsozialistischen Besatzungszeit und 2016 „Irena’s Children“. Die Autorin gibt in ihrem Nachwort an, in Archiven in Warschau, Berlin, London, New York City und Jerusalem recherchiert zu haben. In ihrem Text finden sich aber weder Anmerkungen noch Hinweise auf neue Forschungsergebnisse. Auch die von ihr erwähnten zahlreichen Zeitzeugeninterviews werden nicht dokumentiert. Ohnehin würden Internetrecherchen bequem die für dieses Buch notwendigen Informationen liefern. Irena Sendler hat selbst immer wieder betont, dass sie nur ein, wenn auch sehr energisches Mitglied eines Netzwerks war. Und über die anderen Aktivisten liegt hinreichend Material vor.

          Als problematisch erweist sich der Versuch, das Thema „spannend“ zu gestalten. Es werden Fakten und Fiktion wild vermischt, Dialoge und Gefühle kreiert. Dieser Versuch könnte einem Literaten gelingen. Doch was hier geboten wird, überzeugt nicht. Die Polen sind rundweg tapfere, fröhliche, heitere Menschen, die Deutschen verkommen zur Karikatur des Bösen. Großen Wert legt die Autorin auf die kitschige Ausgestaltung der Liebesgeschichte von Adam Celnikier und Irena Sendler, die beide mit anderen Partnern verheiratet waren. Als der jüdische Celnikier floh, versuchte Irena, ihn bei einer Freundin unterzubringen, was deren Familie in Lebensgefahr brachte: „Maria sah sie an und lachte. Du liebst ihn, oder Irena? Jetzt lachte auch Irena und nickte. In dem Fall war die Sache klar. Natürlich konnte Adam Marias freies Schlafzimmer beziehen.“ So viel zum Stil des Buches.

          Hinzu kommen ärgerliche Fehler. So kämpfte Polen seit Jahrhunderten um die Unabhängigkeit von seinen aggressiven Nachbarn, den Russen im Osten und den Deutschen im Westen. Dass die Wiener k. u. k.-Monarchie erhebliche Teile Südpolens seit dem späten 18. Jahrhundert bis 1918 annektiert hatte, findet keine Erwähnung. Unverständlich bleibt auch der stereotyp wiederholte Begriff „arische Seite“, auf welche die jüdischen Kinder aus dem Getto gebracht wurden. Die Polen wurden von den Nationalsozialisten gewiss nicht als „Arier“ eingestuft, sondern als „Slawen“ diskriminiert.

          Tilar J. Mazzeo: Irenas Liste oder das Geheimnis des Apfelbaums. Die außergewöhnliche Geschichte der Frau, die 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete. Heyne Verlag, München 2016. 415 S., 21,99 .

          Quelle: F.A.Z.

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