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Reden und Gerede

03.04.2006 ·  Acht ehrwürdige Akademien der Wissenschaften und die Niederungen der Politik

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Es gibt in Deutschland acht ehrwürdige Akademien der Wissenschaften. In ihrer kumulierten Weisheit haben sie im Jahre 2002 beschlossen, eine gemeinsame wissenschaftliche Konferenz "zur Rolle der Akademien in der gesellschaftlichen Entwicklung" auszurichten. Ein löblicher Beschluß und ein schönes Thema? Die Vorbereitung wurde - wie es sich gehört - einem "Programmkomitee" übertragen, in dem der Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmansegg eine "prägende" Funktion ausübte - mit der Konsequenz, daß die im März 2003 durchgeführte Konferenz unter dem radikal geänderten Thema "Politikberatung in der Demokratie" stattfand. Im Konferenzband, der nun nach drei Jahren endlich vorliegt, ist daraus "Politikberatung in Deutschland" geworden. In der Einleitung betont Graf Kielmansegg, daß die Frage, ob die Akademien der Wissenschaften in Deutschland in der wissenschaftlichen Politikberatung eine Rolle spielen könnten, "bewußt nicht erörtert worden" sei. Da nur die Referate, nicht aber die Diskussionsbeiträge und auch nicht eine Zusammenfassung der Diskussion veröffentlicht wurden, bleibt unerfüllt auch die im Vorwort geäußerte hehre Absicht, "das Wissen und die Kompetenz von mehr als zwölfhundert Mitgliedern aller Disziplinen der Akademien für die Politik und die Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen". Eine vertane Chance! Oder lohnte es sich nicht?

Die einzelnen Referate sind freilich auch je für sich durchaus lesenswert, obwohl vieles bereits in der breiten Beratungsliteratur erörtert worden ist. Den Auftakt macht Kurt Biedenkopf, Politiker und Wissenschaftler zugleich, der "der Wissenschaft" empfiehlt, selbst politisch zu werden. Dann unterbreiten acht prominente Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen ihre Vorstellungen davon, was wissenschaftliche Politikberatung ist, was sie leisten könnte und wo die Probleme liegen. Die Vorstellungen sind höchst unterschiedlich. Die Ausgangssituation wird sogar widersprüchlich beschrieben: Graf Kielmansegg meint, Politikberatung durch Wissenschaft sei in Deutschland "nicht im Gerede", wohl aber die kommerzielle Politikberatung. Hingegen beginnt Peter Weingart seinen Beitrag mit der Feststellung: "Die wissenschaftliche Politikberatung in der Bundesrepublik ist ins Gerede gekommen." Nach der Lektüre aller Beiträge wird man geneigt sein, eher dem Bielefelder Soziologen zu folgen. So postulieren denn auch alle Referenten, die Wissenschaftler dürften sich nicht von der Politik instrumentalisieren lassen, und sie zeigen zugleich, daß genau dies oft geschieht. Um die Instrumentalisierung zu vermeiden, bauen manche Referenten (zum Beispiel Norbert Kloten) auf "Verhaltensnormen" der beratenden Wissenschaftler; andere (so Klaus Pinkau) auf das "System Wissenschaft". Wenn es um wissenschaftliche Politikberatung gehe, dann sei das "System Wissenschaft", nicht der einzelne Experte, gefragt. Dieser Systemgläubigkeit des Naturwissenschaftlers werden die Sozialwissenschaftler wohl kaum folgen können. Am ehesten noch die Ökonomen, die beanspruchen, "ein vergleichsweise gut gesichertes Wissen" zu besitzen, und mit ökonomischen "Gesetzen" operieren. Sie kommen im Konferenzband mit Norbert Kloten zu Wort, der über langjährige Erfahrungen im Beratungswesen verfügt. Sein Beitrag ist eine Verklärung der Vergangenheit und eine Jeremiade über den Zerfall der deutschen "Beratungskultur", wofür er der Regierung Schröder die Schuld gibt. Wie anders lautet dagegen die Schlußfolgerung, die an anderer Stelle Gabriele Metzler über den "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" gezogen hat, nämlich daß die Wirtschaftswissenschaftler selbst den Nimbus von Sachverstand und Neutralität zerstört haben - "entzauberte Wissenschaft".

Mit diesem Stichwort ist das Grundproblem der Politikberatung in der modernen Wissensgesellschaft angesprochen, das in dem Konferenzband von den Soziologen Ortwin Renn und Rudolf Stichweh eindrucksvoll erörtert wird. Sie legen dar, daß eindeutige Expertenantworten gar nicht verfügbar sind: "Unterschiedliche Wissensbestände konkurrieren . . . miteinander, und konkurrierende Wahrheitsansprüche können nicht zweifelsfrei aufgelöst werden." Wissenschaftliche Beratung der Politik kann sich also nicht mehr auf die Wissenschaft als "Letztinstanz" beziehen. Sie ist vielmehr ein fortlaufender kommunikativer Prozeß, bei dem alternative Wissensquellen konkurrieren.

Ob in diesem Prozeß die Akademien der Wissenschaften einen "diskursiven Rahmen" zur "Rationalisierung von Dissens" bilden können, ob sie gar "neue Organisationsformen" für die wissenschaftliche Politikberatung schaffen sollten, ist offenbar auf der Konferenz nicht weiter diskutiert worden. Das Schlußreferat über die amerikanische Praxis von Neal Lane (ehemaliger Direktor der National Science Foundation und Berater Clintons) dürfte bei der Beantwortung dieser Frage kaum hilfreich sein, weil es primär die spezielle Politikberatung zur Wissenschaftsförderung behandelt. Man kann gespannt sein, ob die Akademien der Wissenschaften künftig auf ihre ursprüngliche Idee, die einleitend erwähnt wurde, zurückkommen wird.

WERNER LINK

Heidelberger Akademie der Wissenschaften (Herausgeber): Politikberatung in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006. 170 S., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2006, Nr. 79 / Seite 8
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