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Recht auf Wahrheit : Versessen auf Vergessen?

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Óscar Arnulfo Romero im August 1977 Bild: AP

Am 24. März 1980 war der Erzbischof von San Salvador, Óscar Romero, während einer Messe in einer Krankenhauskapelle von Militärs erschossen worden. Seither hat die internationale Diskussion über ein Recht auf Wahrheit erkennbar an Dynamik gewonnen.

          Im Jahr 2010 bestimmten die Vereinten Nationen den 24. März zum „Internationalen Tag für das Recht auf Wahrheit über schwere Menschenrechtsverletzungen und für die Würde der Opfer“. Drei Jahrzehnte zuvor war an diesem Tag der Erzbischof von San Salvador, Óscar Romero, ein unermüdlicher Verteidiger der Menschenrechte, den Papst Franziskus im vergangenen Jahr seliggesprochen hat, während einer Messe in einer Krankenhauskapelle von Militärs erschossen worden. Seither hat die internationale Diskussion über ein Recht auf Wahrheit erkennbar an Dynamik gewonnen.

          Die Autorinnen und Autoren des Buches, das als erster Band in der vom Arbeitskreis Menschenrechte herausgegebenen „Schriftenreihe Menschenrechte im 20. Jahrhundert“ erschien, diskutieren einerseits die Entwicklung, die Innovationskraft und das humanitäre Potential dieses - mehr oder weniger - neuen Menschenrechts und ordnen es andererseits in den Gesamtkontext des 20. Jahrhunderts ein, das spätestens seit Eric Hobsbawm als das der Extreme gilt. Außerdem beleuchten sie das Recht auf Wahrheit, das politisch umstritten, begrifflich schwer zu definieren und juristisch nicht leicht anzuwenden ist, aus den Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen, darunter vor allem die Rechtswissenschaften, Geschichte, Psychologie sowie Friedens- und Konfliktforschung.

          Im Zentrum mehrerer Beiträge stehen vor allem die Militärdiktaturen Lateinamerikas, zum Beispiel in Chile, Argentinien oder Kolumbien. Dort gehörte es lange Zeit - in einigen Ländern gilt das teilweise noch heute - zum staatlichen Gewaltrepertoire, Systemgegner erst zu entführen, sodann zu ermorden und anschließend jede Kenntnis dieser Vorgänge zu bestreiten oder systematisch zu verschleiern, was für Verwandte, Angehörige und Freunde eine psychische Folter bedeutete, die man als Außenstehender kaum ermessen kann. „Von diesem Repressionsmuster“, so Jan Eckel in seinem Beitrag zu Chile, ging der „wohl wichtigste Impuls für das völkerrechtliche Postulat eines Rechts auf Wissen aus“.

          Aus guten Gründen beschränken sich die Autoren allerdings nicht auf die Länder Lateinamerikas. Ein anderes Beispiel, das mehrfach eine zentrale Rolle spielt, ist Südafrika, wo nach dem Ende des Apartheidregimes eine Wahrheits- und Versöhnungskommission unter dem Friedensnobelpreisträger und damaligen Erzbischof von Kapstadt, Desmond Tutu, eingesetzt wurde. Wie der Name schon sagt, war das Ziel dieser Kommission, die zwischen 1995 und 1998 arbeitete, nicht juristische Aufarbeitung oder gar Verurteilung, sondern gesellschaftliche Versöhnung. Anders als bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, die ebenfalls einen politischen Übergang markierten und die daher von Norbert Frei als Vergleichshorizont herangezogen werden, ging es in Südafrika von Anfang an um beides: Erinnern und Vergessen. In diesem Spannungsfeld, so die These von Susanne Buckley-Zistel, musste die Gerechtigkeit der Versöhnung weichen, was bis heute dazu beiträgt, dass die politischen Verhältnisse in Südafrika relativ instabil sind.

          Neben Lateinamerika und Südafrika sind es in regionaler Perspektive die Staaten Ostmitteleuropas, die das Themenspektrum des klar strukturierten und insgesamt gut redigierten Bandes erweitern. In historischer Perspektive werden außerdem der Fall Katyn und die deutschen Debatten über internationale Kriegsverbrechen nach dem Ersten Weltkrieg, die Jost Dülffer kenntnisreich und kritisch nachzeichnet, beleuchtet. Dülffer ist es auch, der mit Nachdruck auf die definitorische Problematik eines stets relationalen, je nach zeitlichen, räumlichen, sozialen, individuellen, institutionellen und disziplinären Rahmenbedingungen erheblich variierenden Wahrheitsbegriffs hinweist.

          Vor diesem Hintergrund ist es besonders überzeugend, dass Susanne Buckley-Zistel den Wahrheitsbegriff einer luziden erzähltheoretischen Dekonstruktion unterzieht, auch wenn - oder gerade weil - ihr natürlich vollkommen bewusst ist, dass narrativer Dekonstruktivismus, politische Ansprüche auf Deutungshoheit und individuelles Streben nach objektiver Wahrheit nur selten, vielleicht auch nie in Einklang zu bringen sind. Angesichts dieser Erkenntnis macht sich allerdings negativ bemerkbar, dass Herausgeber und Autoren zwar zweifelsohne viele relevante Perspektiven auf das Thema Wahrheit berücksichtigen, dass sie aber theologische, philosophische und nicht zuletzt begriffsgeschichtliche Zugriffe eher vernachlässigen.

          Wer über Chancen und Herausforderungen eines Rechts auf Wahrheit nachdenkt, kann - auch dann, wenn juristische Fragen im Zentrum stehen - eine lange geistesgeschichtliche Tradition von Platon und Aristoteles über Augustinus, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin und Immanuel Kant bis hin zu Karl Jaspers, Hannah Arendt und Jürgen Habermas nicht außer Acht lassen. Immerhin geht der Rechtshistoriker Michael Stolleis in seinem glänzend geschriebenen Beitrag auf diese Tradition kurz ein. Davon abgesehen, kommt dieser Aspekt jedoch deutlich zu kurz. Trotzdem ist das Buch, dessen Beiträge flüssig zu lesen, klar gegliedert und durch ein Namensregister gut erschlossen sind, sehr zu empfehlen.

          José Brunner/ Daniel Stahl (Herausgeber): Recht auf Wahrheit. Zur Genese eines neuen Menschenrechts. Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 208 S., 22,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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