Der für seine mahnende und plastische Ausdrucksweise geschätzte, aber auch gefürchtete Journalist und Schriftsteller vom Jahrgang 1923 Ralph Giordano hat das zwölfte Buch im Kölner Hausverlag veröffentlicht: Reden und Schriften aus der Zeit von 1999 bis 2011. Darunter befindet sich jene Ansprache, die er in Berlin zur 60. Wiederkehr des Warschauer Aufstandes vom August 1944 hielt. Hier wandte er sich gegen die „Behauptung, die Stiftung ,Zentrum gegen Vertreibungen’ würde Holocaust und Vertreibung gleichsetzen“. Und er lehnte es ab, dass der Initiatorin Erika Steinbach (CDU) „unter dem Schlüsselwort ,Empathie’ der gute Wille abgesprochen“ werde.
Wenn ihn, sagte er weiter, „von bestimmter Seite manchmal eine spezifische Kälte gegenüber deutschen Schicksalen aus der NS-Zeit anwehen“ wolle, „und das mit Hinweis auf ihre Selbstverschuldung“, so schäme er sich auch dann nicht seiner „Trauer über das Leid von Deutschen“, nicht seiner Mitleidensfähigkeit und Erschütterung. Drei Jahre danach warf er jedoch in einem Brief (jetzt abgedruckt) derselben Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen plötzlich vor, dass er bei ihr „eine innere Beziehung zur Welt der deutsch verursachten Opfer“ vermissen würde.
Einige Beiträge befassen sich mit dem 20. Juli 1944: Die Anerkennung der Verschwörer musste der Bundeswehr erst verordnet werden, weil doch „das Lodenmantelgeschwader der Ehemaligen, das die neue Armee aufbaute und gleichzeitig unreflektiert zu seiner Wehrmachtvergangenheit stand“, eine Integration der Verschwörer in das Traditionsverständnis über Jahrzehnte hin boykottierte. „Unvergessen auch, wie die nie entnazifizierte Nachkriegsjustiz strafrechtlich mit dem 20. Juli und seinen Folgen umging.“ In diesem Zusammenhang zitiert er aus Verfahren gegen frühere Angehörige des Volksgerichtshofes aus den Jahren 1956 und 1971.
Für Giordano war „Hitler und was der Name symbolisierte, zwar militärisch, nicht aber geistig, oder besser: ungeistig geschlagen“. Die Bewunderung des Autors gilt dem Hitler-Attentäter und Tischler-Gesellen Johann Georg Elser: „Er war einer, der das Böse erkannt und es in stummer Kühnheit zu seinem Feind erklärt hatte. Damit wurde er zum Antipoden der damaligen Bevölkerungsmehrheit, die das Böse entweder nicht sah oder nicht sehen wollte.“ Überhaupt gingen in Deutschland „Ehrungen eines Widerstandes jenseits von aristokratischen Milieus“ in einer Langsamkeit vor sich, „mit der sich zwei Eiszeiten abzulösen pflegen“.
Der Holocaust-Überlebende ärgerte sich dann über Christian Wulffs „historische Fehlthese“ vom 3. Oktober 2010: „nicht nur Christentum und Judentum, auch der Islam gehört inzwischen zu Deutschland“. In einem offenen Brief wetterte er im vergangenen Herbst gegen den im Februar 2012 zurückgetretenen Bundespräsidenten, bei dem er „jede Kritik an menschenrechtsfeindlichen Auffassungen und Praktiken innerhalb der türkisch-arabisch dominierten muslimischen Minderheit und jede Nähe zu kritischen Muslima“ vermisse. Giordano-Kenner wissen nach der Lektüre all dieser streitbaren Beiträge: Fortsetzung folgt!
Ralph Giordano: Von der Leistung kein Zyniker geworden zu sein. Reden und Schriften über Deutschland 1999 bis 2011. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 393 Seiten, 29,99 Euro.