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Radiosendungen : BBC gegen DDR

  • -Aktualisiert am

Bild: EPA

Neben Versuchen, Absender ausfindig zu machen und Post an die BBC in London abzufangen, ging die DDR auch mit propagandistischen Mitteln gegen die Sendung „Briefe ohne Unterschrift“ vor. Macher und BBC wurden als Spionagezentralen, als Zuarbeiter für den MI 6, verunglimpft.

          „Theoretisch gibt es in der SBZ alles. Praktisch sieht das so aus: Apfelsinen in Chemnitz, Blumenkohl in Rostock und Dresden, Äpfel in Erfurt und Leipzig, Zwiebeln in Magdeburg, saure Gurken in Schwerin, Bananen in Cottbus, Radieschen in Görlitz usw. Das nennt man im SED-Jargon ,Warensteuerung‘!“ Das schrieb ein unbekannter DDR-Bürger im April 1960 an die British Broadcasting Company (BBC).

          Dieser Brief aus der DDR ist einer von unzähligen, die zwischen 1949 und 1974 den britischen Sender über Deckadressen erreichten. Anlass solcher Zuschriften war die Sendung des deutschsprachigen Dienstes der BBC „Briefe ohne Unterschrift“, die in der DDR sehr beliebt war und es DDR-Bürgern ermöglichte, anonym und frei ihre Meinung zu äußern. Das Spektrum der angesprochenen Themen war groß, von Alltagssorgen wie Versorgungsproblemen über die Kommentierung politisch einschneidender Ereignisse wie Mauerbau oder Niederschlagung des Prager Frühlings bis hin zu Schikanen durch SED-Funktionäre findet sich alles, was die Menschen in der DDR bewegte. Es gab auch Kritik an der Sendung und Zustimmung für die Politik der DDR. Manchmal entspann sich sogar eine hitzige Diskussion unter den Briefeschreibern. Um das Urteil vorwegzunehmen: Das Buch von Susanne Schädlich liest sich gut und ist spannend. Eine systematische Auswertung der Briefe darf man jedoch nicht erwarten – das bliebe einer wissenschaftlichen Erforschung vorbehalten, die sicherlich lohnenswert wäre.

          Mehr oder weniger durch Zufall fiel Susanne Schädlich der Bestand dieser vergessenen Briefe in die Hände, und sie begann mit einer Spurensuche. Im Zwiegespräch mit der legendären Hobbydetektivin Miss Marple macht sie sich auf, den Machern der Sendung Gesicht und Persönlichkeit zu geben, Zeitzeugen zu befragen und in dieser Verbindung von Fiktion und Realität der Leserschaft die Protagonisten, ihre Gedanken- und Lebenswelt nahezubringen. Im Mittelpunkt stehen dabei der langjährige Macher der Sendung, Austin Harrison, sowie die beiden BBC-Deutschland-Korrespondenten Peter Johnson und Bill Treharne Jones, die mit ihm zusammenarbeiteten. Alle drei waren gute Kenner der DDR und häufig im Land. Dort wurden sie, auch das rekonstruiert Schädlich, systematisch von der DDR-Staatssicherheit überwacht und Inoffizielle Mitarbeiter (IM) gezielt auf sie angesetzt.

          Die Autorin zitiert nicht nur ausführlich aus zahlreichen Briefen, sondern arbeitet auch heraus, welche Themen die Briefeschreiber besonders bewegten, und versucht dabei, sich ihnen als Personen zu nähern. Da die Briefe anonym waren, ist es schwer herauszufinden, wer der jeweilige Absender war. In einigen Fällen konnte allerdings auch das aufgedeckt werden. Denn die DDR-Machthaber reagierten äußerst empfindlich auf die öffentlich vorgetragene Kritik und setzten unter Aufbietung ihres gesamten Repressionsapparates alles daran, die Schreiber zu ermitteln und strafrechtlich zu verfolgen. Die Stasi entfaltete hier mannigfache Aktivitäten. Susanne Schädlich gelingt es, einen Teil dieser Verfolgungsfälle zu rekonstruieren und damit einigen Briefeschreibern ein Gesicht zu geben. Besonders betroffen macht dabei der ausführlich beschriebene Fall eines Oberschülers, der wegen mehrerer Briefe unter anderem im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1968 in der Tschechoslowakei zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

          Neben den Versuchen, Absender ausfindig zu machen und Post an die BBC im Vorfeld abzufangen, ging die DDR auch mit propagandistischen Mitteln gegen die Sendung „Briefe ohne Unterschrift“ vor. Die Macher und die BBC insgesamt wurden als Spionagezentralen, als Zuarbeiter für den MI 6, verunglimpft. Zeitungsartikel und Rundfunkbeiträge befassten sich mit der britischen Rundfunksendung. So warf ihr die Ost-Berliner „Stimme der DDR“ Anfang der siebziger Jahre vor, sich in die inneren Angelegenheiten der DDR einzumischen. Im Jahr 1971 entwickelte die Stasi ein Bündel von Maßnahmen, das die BBC zur Einstellung der Sendung veranlassen sollte. Dass „Briefe ohne Unterschrift“ dann ohne Begründung im Juli 1974 wirklich eingestellt wurde, ist allerdings nicht auf die Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit, sondern vielmehr auf die sich verändernden weltpolitischen Konstellationen im Zuge der Entspannungspolitik zurückzuführen.

          Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte. Knaus Verlag, München 2017. 284 S., 19,99 €.

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