10.12.2004 · Die Schicksale von 86 "Ahnenerbe"-Opfern
Hans-Joachim Lang: Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, 303 Seiten, 19,90 [Euro].
Über den verbrecherischen Charakter des "Dritten Reiches" gibt es längst keinen Zweifel mehr. Und doch ist man immer wieder von neuem über den Zynismus, die unmenschliche Brutalität und grausame Mitleidlosigkeit der kleinen und großen Machthaber erschüttert. Am 3. Januar 1945 brachte die Londoner "Daily Mail" einen Bericht über den Fund von 86 in Alkohol konservierten Leichen im Anatomischen Institut der Straßburger Universität. Ein technischer Assistent am Institut habe freimütig erklärt, diese Personen seien "zum Schlafen gebracht" worden. Ein anderer Mitarbeiter konnte den ermittelnden alliierten Behörden mitteilen, daß die getöteten Männer und Frauen noch körperwarm in der Straßburger Anatomie abgeliefert worden seien. Alle hätten sie am Unterarm eintätowierte Nummern getragen, die er - der von vornherein ein Verbrechen vermutete - heimlich notiert habe. Erst im Laufe der Zeit stellte sich mehr und mehr heraus, was hinter dem mysteriösen Leichenfund steckte.
Der 1941 an die Straßburger Universität berufene Anatom August Hirt hatte bald nach seiner Ankunft den Plan gefaßt, die in seinem Haus vorhandenen Sammlungen zu einem anatomischen Museum auszubauen. Das war zunächst noch nichts Ungewöhnliches, zeigten Mediziner doch bereits seit dem 18. Jahrhundert der Öffentlichkeit Tier- und Humanpräparate. Neu war hingegen, daß Hirt nun auch auf seinem Fachgebiet den "wissenschaftlichen" Nachweis der Überlegenheit der nordisch-germanischen Rasse erbringen wollte. Er kam in Kontakt mit der SS-Stiftung "Ahnenerbe" und legte Heinrich Himmler einen Forschungsplan vor, in dem er bedauernd feststellte, daß "nahezu von allen Rassen und Völkern" umfangreiche Schädelsammlungen existierten, "nur von den Juden stehen der Wissenschaft so wenig Schädel zur Verfügung, daß ihre Bearbeitung keine gesicherten Ergebnisse zuläßt". Diesem Mangel abzuhelfen, biete doch der Krieg im Osten beste Gelegenheit. "In den jüdisch-bolschewistischen Kommissaren, die ein widerliches, aber charakteristisches Untermenschentum verkörpern, haben wir die Möglichkeiten, ein greifbares wissenschaftliches Dokument zu erwerben, indem wir ihre Schädel sichern." Himmler ging auf dieses Ansinnen gerne ein. Eine "anthropologische Meßtruppe der SS" ging in Auschwitz auf die Suche nach geeigneten "Objekten". Alle KZ-Insassen, "die sowieso nicht mehr in Freiheit kommen", standen jetzt zur Verfügung, es ging auch nicht mehr nur um Schädel, sondern um eine Sammlung vollständiger Skelette. Das ausgewählte "Material" - die Männer und Frauen standen zumeist in der Blüte des Lebens - wurde sodann in das KZ Natzweiler-Struthof verlegt, dort vergast und sofort im Straßburger Institut konserviert.
Der weitere Kriegsverlauf sorgte mit dem zügigen Heranrücken der Front allerdings dafür, daß das Projekt zunächst eingestellt werden mußte. Da die verräterische Sammlung ja "später wieder aufgebaut werden" könne, befahl Himmler ihre vollständige Beseitigung, was jedoch nicht mehr gelang. Deshalb konnten am 23. Oktober 1945 die Überreste von 86 Leichen bestattet werden. Doch wer diese Männer und Frauen gewesen sind, wußte man bislang nicht. Den Toten ihren Namen und ihre Identität wiederzugeben, sie als Menschen in ihre rekonstruierten Lebenszusammenhänge zurückzuführen, das ist erst Hans-Joachim Lang mit seinen sich über Jahre erstreckenden akribischen Recherchen gelungen, deren Ausgangspunkt die obenerwähnte Liste der eintätowierten KZ-Nummern war, die er buchstäblich entziffert hat. Es ist ein Puzzle des Grauens, das er zusammengesetzt hat, denn die Schicksale dieser 86 "Ahnenerbe"-Opfer spiegeln die europäische Dimension der Verfolgung und Ermordung der Juden.
CHRISTOPH STUDT