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„Prager Frühling“ : Nur ein Verkehrsunfall?

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Prager bauen Barrikaden am 21. August 1968 vor dem Gebäude des Tschechoslowakischen Rundfunks Bild: Helmut Fricke

Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die Warschauer-Pakt-Staaten markierte indes nicht nur das Ende der ostpolitischen Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und Frankreich. Sie wirkte auch als „Katalysator“ für die künftige Bonner Ostpolitik.

          Die Ukraine-Krise, so lautet ein ebenso verbreitetes wie verwegenes Argument russischer Politiker, sei das Ergebnis einer verfehlten EU-Politik. Denn mit dem von ihr allzu offensiv vorgetragenen Angebot eines Freihandels- und Assoziie-rungsabkommens habe die EU den inner-ukrainischen Konflikt um die außenpolitische Ausrichtung angeheizt und Russland nach dem Umsturz in Kiew zum Handeln genötigt. Dem historisch Bewanderten kam der Stil der Schuldzuweisung ziemlich vertraut vor: Hatte der Kreml nicht auch die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 mit Provokationen „des Westens“ begründet? Wie berechtigt beziehungsweise unberechtigt die Vorwürfe damals waren, zeigt nun die Studie von Birgit Hofmann. Quellennah und luzide untersucht sie die Haltung des Westens gegenüber der Krise in der Tschechoslowakei am Beispiel der „Referenzakteure“ Frankreich und Bundesrepublik Deutschland.

          Anschaulich weist Hofmann nach, dass die beiden Nachbarn am Rhein trotz „graduell verschiedener“ Ostpolitiken seit 1967 eine auf „Blockdiffusion“ ausgerichtete Kooperation betrieben, die nach dem Ausbruch des Prager Frühlings in heftige Turbulenzen geriet. Während Staatspräsident de Gaulle dem tschechischen Reformprogramm „ideologisch“ fernstand und ihm auch keine großen Erfolgsaussichten zubilligte, bewertete die Große Koalition mit Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt an der Spitze die Chancen „tendenziell optimistisch“. In der Hoffnung auf eine „signifikante Verbesserung der bilateralen Kontakte“ ließ sich die Bundesregierung trotz der vom Westen offiziell verkündeten Politik der Nichteinmischung auf einen regen Austausch mit der tschechoslowakischen Führung ein und geriet dadurch ins Visier einer Propagandakampagne des Ostblocks, die in Frankreich auf fruchtbaren Boden stieß.

          Obwohl der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in aller Deutlichkeit zeigte, dass de Gaulles Glaube an eine Überwindung der ideologischen Konfrontation zwischen Ost- und Westeuropa mit den machtpolitischen Realitäten nicht in Einklang gebracht werden konnte, hielt Frankreich am bisherigen Kurs fest. Intern machte der General zwar keinen Hehl aus seiner Sorge, dass die Sowjetunion in der Erwartung eines Krieges gegen China ein Arrangement mit den Vereinigten Staaten anstreben und die Bundesrepublik dessen Opfer sein könnte. In der Öffentlichkeit jedoch bagatellisierte seine Regierung die Ereignisse als „Verkehrsunfall“ auf der Straße der Entspannung (so Außenminister Michel Debré) und meinte, ihre Linie fortsetzen zu können.

          Die Bundesregierung hingegen wies den Vorwurf einer „ideologischen Subversion“ als absurd zurück und rief aus Furcht vor einer Störung des strategischen Gleichgewichts nach einer Stärkung der Nato. Ihre Hoffnung auf französische Rückendeckung erwies sich als verfehlt. Denn de Gaulle erklärte die Bundesrepublik im Zuge einer - von Hofmann so genannten - „Übersprunghandlung“ zum „Sündenbock“ und degradierte sie „vom ostpolitischen Partner zum ungeschickten Zögling“. Bei einem Konsultationstreffen mit Bundeskanzler Kiesinger Ende September 1968 verlangte der General statt einer Stärkung der Nato eine Auflösung der Blöcke und die Überwindung der Teilung von Jalta. Geschockt über die drastische Sprache, wähnte sich Kiesinger vor den „Trümmern seiner Frankreichpolitik“.

          Die Niederschlagung des Prager Frühlings markierte indes nicht nur das Ende der ostpolitischen Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und Frankreich. Sie wirkte auch als „Katalysator“ für die künftige Bonner Ostpolitik. Denn zum einen trug die „abgeschottete Krisenpolitik“ de Gaulles maßgeblich dazu bei, dass die Vereinigten Staaten und Großbritannien der Bundesrepublik eine „neue Rolle“ mit größerem Handlungsspielraum übertrugen. Zum anderen gewann namentlich Außenminister Brandt die Überzeugung, eine „neue Ostpolitik nun selbstbewusster und in Eigenregie“ vorantreiben zu müssen.

          Hofmanns multiperspektivische Arbeit verdeutlicht überzeugend, „dass Europa bereits in der Zeit der Ost-West-Teilung ein gemeinsamer Erfahrungsraum und Resonanzboden von Erschütterungen war“. Sie liefert überdies ein tragfähiges Fundament für künftige Forschungen über die Haltung des Westens während der Tschechoslowakei-Krise 1968 „im Kontext der jeweiligen Machtblöcke“ wie auch „im Zusammenhang der Interaktion mit anderen Akteuren“.

          Birgit Hofmann: Der „Prager Frühling“ und der Westen. Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 471 S., 39,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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