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Präventivkrieg : Seitenwechsel eines DDR-Generals

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Die Skizze verdeutlicht den mit Kriegsbeginn am 22. JUni 1941 erreichten Stand des Aufmarsches der Wehrmacht und der Roten Armee Bild: Abb. a. d. bespr. Buch

Bernd Schwipper möchte „auf das Geschichtsbewusstsein der Mehrheit der Deutschen“ einwirken. Das wird ihm sicher nur bei den Anhängern der alten Verschwörungstheorie gelingen, die schon immer wussten, dass Hitlers Eroberungskrieg nur eine Art von Notwehr gewesen war.

          Verschwörungstheorien führen auf dem Buchmarkt ein zähes Leben. Haben sie eine entsprechende Anhängerschaft, werden immer wieder neue Produkte auf den Markt geworfen, obwohl der Erkenntnisgewinn gegen null tendiert. Hierzu ist auch die These vom Präventivkrieg zu rechnen, die Adolf Hitler im Juni 1941 in die Welt setzte, um seinen Raub- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Wissenschaftlich ist die alte Propagandalüge längst widerlegt. Die neueste Wiederauflage betreibt der Druffel-Verlag, den 1952 der ehemalige Reichspressechef der NSDAP gegründet hat und der vom Verfassungsschutz als einer der größten rechtsextremistischen Verlage in Deutschland eingestuft wurde.

          Die eigentliche Überraschung ist der Autor: Generalmajor a.D. Bernd Schwipper, zuletzt Kommandeur der 3. Luftverteidigungsdivision der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Mit diesem ehemaligen Absolventen der Moskauer Generalstabsakademie soll wohl ein Fachmann aus dem ehemaligen Feindlager präsentiert werden. Die Studie des militärhistorisch dilettierenden Veteranen wird zum „Paukenschlag der Zeitgeschichtsforschung“ hochgejubelt. Nun sei anhand russischer Unterlagen bewiesen, dass Stalin spätestens am 10. Juli 1941 den Angriff auf das Deutsche Reich beginnen wollte und Hitler ihm mit dem Unternehmen „Barbarossa“ lediglich zuvorgekommen sei.

          Die Argumentationslinie ist ebenso alt wie die benutzte Literatur. Einem ernsthaften Diskurs mit der umfangreichen Fachliteratur weicht der Autor aus, indem er sich auf die Darlegung von Strukturen und Planungen innerhalb der Roten Armee konzentriert. Dazu benutzt und interpretiert er bereits publizierte Militärakten und einschlägige Standardwerke der älteren Sowjet- beziehungsweise DDR-Literatur. Von neuen Quellen und Argumenten findet sich keine auffällige Spur. Das deutsche Bundesarchiv-Militärarchiv ist ihm anscheinend unbekannt. Er belegt bekannte Dokumente zur Wehrmacht entweder mit Kopien im ehemaligen Militärarchiv der DDR oder mit Digitalisaten im Deutschen Historischen Institut Moskau, also ohne ihren aktenmäßigen Zusammenhang.

          Dass die Rote Armee seit den zwanziger Jahren darauf gedrillt worden ist, die Entscheidung in einem künftigen Krieg durch Angriff zu suchen, entsprach der allgemein verbreiteten Doktrin. Dass der Feind möglichst auf seinem eigenen Territorium zu schlagen sei, gehörte dazu - im Falle der Sowjetunion schon deshalb, weil sich das bolschewistische Regime seiner eigenen terrorisierten Bevölkerung nicht sicher sein konnte. Die Erkenntnis, dass es günstiger sei, einem feindlichen Aufmarsch durch einen Präventivschlag zu begegnen, anstatt den Angriff des Gegners abzuwarten, stammte aus dem Erfahrungsschatz des Alten Fritz. Ebenso unstrittig ist, dass Stalin gewappnet sein wollte, bei einer günstigen revolutionären Situation die Einkreisung durch die kapitalistischen Mächte zu durchbrechen und dafür auch über militärische Optionen zu verfügen.

          Doch es kam bekanntlich anders. Stalin ließ ab 1935 in seinem mörderischen Misstrauen die Rote Armee „enthaupten“ und so weit schwächen, dass sie am Ende Mühe hatte, das kleine Finnland niederzuwerfen. Parallel dazu entwickelte die Wehrmacht 1938/39 Pläne für einen Überfall auf Russland. Nachdem sich beide Diktatoren über die Aufteilung Polens verständigt hatten, rückte die Rote Armee nach Westen vor, um das Baltikum und Ostpolen militärisch zu sichern.

          Schwipper blendet aus, dass die Wehrmacht nach dem Sieg im Westen bereits im August 1940 den Aufmarsch im Osten durch die „Gruppe Guderian“ und die 18. Armee begann. Die „kleine Lösung“ nach dem Halder-Plan hätte in kürzester Frist erfolgen können. Doch Hitler wollte eine „große Lösung“. Die Masse der Armeen, die er für „Barbarossa“ bereitstellte, bezog erst ab April/Mai 1941 die Ausgangsstellungen. Der sowjetische Generalstab reagierte darauf mit dem Plan eines eigenen Präventivschlages, was Stalin aber nicht genehmigte. Er hielt den deutschen Aufmarsch für ein Ablenkungsmanöver, um die lange vorbereitete Landung in England durchzuführen. Er musste sich zwar für alle Eventualitäten rüsten, hätte es aber wohl vorgezogen, sich mit Hitler über die Aufteilung der Welt zu verständigen.

          Der Autor möchte mit seiner Studie „auf das Geschichtsbewusstsein der Mehrheit der Deutschen“ einwirken. Das wird ihm sicher nur bei den Anhängern der alten Verschwörungstheorie gelingen, die schon immer wussten, dass Hitlers Eroberungskrieg nur eine Art von Notwehr gewesen war. Ausführlich erörtert er einen angeblichen „Vorbefehl“ Stalins vom 11. Juni 1941, der den endgültigen Beweis für dessen Angriffsabsichten bilden soll. Dabei handelt es sich um das fragwürdige Dokument eines ukrainischen Autors, der dessen Herkunft wohlweislich verschweigt. Das stört Schwipper aber nicht weiter. Er analysiert Inhalt und Form anhand von Indizien, woraus am Ende die scheinbar sichere Erkenntnis abgeleitet wird.

          Handwerklich und konzeptionell erfüllt diese militärisch drapierte Studie nicht einmal wissenschaftliche Mindeststandards. Dass sich vereinzelte ehemalige Generale der Bundeswehr für lobende Worte zu dem Buch hergaben, wirkt verblüffend. Es liest sich keinesfalls wie ein Kriminalroman, sondern doch eher wie eine trockene Militärstudie. Und Schwipper hat auch nicht die fehlenden Bausteine geliefert, die „zweifelsfrei beweisen, dass die Rote Armee spätestens im Juli 1941 das Deutsche Reich angreifen sollte“. Verwirrend auch die Widmung des Buches, all jenen Soldaten, „die aufrecht und in Treue für ihr Vaterland kämpften, verwundet wurden oder gefallen sind“ - sollten damit womöglich die Rotarmisten gemeint sein?

          Bernd Schwipper: Deutschland im Visier Stalins. Der Weg der Roten Armee in den Europäischen Krieg und der Aufmarsch der Wehrmacht 1941. Eine vergleichende Studie anhand russischer Dokumente. Verlag Druffel & Vowinckel, Gilching 2016. 552 S., 24,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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