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Veröffentlicht: 15.05.2017, 10:08 Uhr

Pogrome im Zarenreich Gewaltorgie bei schönem Wetter

Das eigentliche Schlüsselereignis war wohl die Ermordung Zar Alexander II. am 1. März 1881 gewesen. Unter den vielen Gerüchten, die sich in Russland verbreiteten, war auch eines, das „den Juden“ die Schuld daran gab – verbunden mit der Drohung, dass sie dafür noch würden büßen müssen.

von Helmut Altrichter
© AFP Besucher im „Jewish Museum and Tolerance Center“ in Moskau am 13. Juni 2013

Elisavetgrad war eine Kleinstadt wie viele in Neurussland, jenem Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, das im 18. Jahrhundert dem Osmanischen Reich vom Zarenreich abgerungen worden war. Die Autokratie hatte Bauern unterschiedlicher Herkunft hier angesiedelt, und auch die Bevölkerung der Städte war multiethnisch. In Elisavetgrad sprachen Ende des 19. Jahrhunderts 35 Prozent der Bewohner Russisch, 24 Prozent Ukrainisch, 38 Prozent Jiddisch; dazu kamen noch Polen, Deutsche, Tataren und Griechen. Die Juden waren die mobilste Gruppe. Ihr Anteil an der Stadtbevölkerung wuchs, in der Schülerschaft des städtischen Progymnasiums waren sie deutlich überrepräsentiert; sie besaßen drei Viertel der Läden, fast alle Brotläden und die sechs großen Schnapslager, betrieben Schankwirtschaften und Suppenküchen. 1881 ging von hier eine Welle der Judenpogrome aus, wie sie Russland als Massenerscheinung bisher nicht gekannt hatte.

Wer im Nachhinein nach den Gründen suchte, fand schnell heraus, dass die Stadt schon bessere Zeiten erlebt hatte. Die florierenden Jahrmärkte gehörten der Vergangenheit an, waren nach Odessa weitergewandert; Abstiegsängste blieben. Die Ernte im Vorjahr war schlecht gewesen, eine Katastrophe für eine Region, die vom Getreidehandel lebte. Doch das eigentliche Schlüsselereignis war wohl die Ermordung Zar Alexander II. am 1. März 1881 gewesen. Unter den vielen Gerüchten, die sich im Land verbreiteten, war auch eines, das „den Juden“ die Schuld daran gab (weil zum Kreis der Attentäter auch eine Jüdin gehörte) – verbunden mit der Drohung, dass sie dafür noch würden büßen müssen. Viele hatten eine entsprechende Aktion schon an Ostern erwartet. Doch da herrschte in Elisavetgrad noch Staatstrauer, die Tage waren verregnet, die Schankstuben geschlossen, und zusätzlich eingesetztes Militär sorgte für Ruhe und Ordnung.

Erst als es abgezogen war, brach die Gewaltorgie aus, bei schönem Wetter. Ein eher harmloser Streit in einer jüdischen Schankstube, maßlos aufgebauscht und umgedeutet zum „Angriff der Juden auf die Unsrigen“, lieferte den Anlass. Fensterscheiben wurden eingeworfen, Schaufenster zerschlagen, Häuser gestürmt, Möbel und Inventar auf die Straße geworfen, Bettdecken zerschnitten und die Federn wie Schneeflocken gefeiert, vor einer ständig wachsenden Zuschauermenge, die zum Mitmachen und zur Selbstbereicherung aufgefordert wurde. Auch bei den Plünderungen gingen wenige Haupttäter voran, Jugendliche, Frauen und Kinder folgten, schleppten weg, was sie brauchen konnten. Die Lage beruhigte sich erst, als den Randalierern große Mengen Alkohol in die Hände fielen. Zwei der drei Toten des Pogroms starben an Alkoholvergiftung. Am Mittag des nächsten Tages ging es weiter. Die Geschehnisse hatten sich herumgesprochen, aus den Dörfern kamen Bauern mit Pferdewagen, um sich an den Plünderungen zu beteiligen.

Am Beispiel von Elisavetgrad kann Stefan Wiese in seiner Studie ein Verhaltensmuster des Pogroms entwerfen. Es zeigt, dass die „Gewalttaten relativ spontan geschahen“, keinem vorgefassten Plan folgten; die Zuschauer wurden von den Tätern zu Komplizen gemacht. Das erschwerte der Polizei den Zugriff (selbst wenn sie Hunderte abführte), ganz abgesehen davon, dass Polizisten im Zarenreich auch kein hohes Ansehen genossen, weil sie schlecht ausgebildet und bezahlt waren, was sich im Dienstverhalten niederschlug. Angesichts des Massencharakters zeigte auch das zu Hilfe gerufene Militär wenig Neigung, mit aller Härte dazwischenzugehen, zumal es nicht gegen die Autokratie, sondern „nur“ gegen die Juden ging. Vom Versagen der Obrigkeit darauf zu schließen, dass sie hinter den Pogromen stand, sie deckte oder sogar ins Werk setzte, ist ein Kurzschluss: Diese vielleicht naheliegende Behauptung oder Vermutung wird hier ein weiteres Mal widerlegt.

Ausgehend vom Geschehen in Elisavetgrad 1881, fragt die Arbeit in den folgenden Kapiteln, ob sich nicht in den Cholera-Unruhen an der Wolga 1892 ein vergleichbares Grundmuster kollektiver Gewalt zeigte, selbst wenn die Täter hier nicht gegen Juden, sondern Ärzte und Feldschere, Krankenhäuser und Apotheken vorgingen. Sie fragt ferner, inwiefern sich die sehr viel blutigere zweite Welle von Judenpogromen 1905/06 von der ersten unterschied, welche Rolle dabei die neu organisierte „jüdische Selbstwehr“ und die „Schwarzhundertschafter“ spielten. Die Studie versucht zu zeigen, was diese wiederum von der pogromartigen Randale der neu einberufenen Rekruten 1914/15 unterschied, deren Gruppengewalt sich mal gegen Deutsche, Juden, Briten, Schweizer, Perser, mal gegen Kalmücken, Dänen, Chinesen richtete, ohne in ihrer „Auswahl“ besonders wählerisch zu sein. Schließlich stellt der Autor heraus, dass die Massengewalt gegen Juden im Russischen Bürgerkrieg, der Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende zum Opfer fielen, keine Pogrome im ursprünglichen Sinne mehr waren, sondern Massaker.

Mit seinen Ausführungen geht es Stefan Wiese nicht darum, eine neue Geschichte der Pogrome im Zarenreich zu schreiben; eher will er zusätzliche Fragen stellen und Beobachtungen liefern, neben und jenseits der politik-, ideologie- und sozialgeschichtlichen Annäherungen – um zu klären, was der Begriff Pogrom als Bezeichnung und zur Erforschung eines Grundmusters kollektiver Gewalt leisten kann, als Beitrag zu einer Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Stefan Wiese: Pogrome im Zarenreich. Dynamiken kollektiver Gewalt. Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2016. 329 S., 28,– €.

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Von Rainer Hermann

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Quelle: wahlrecht.de
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