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Peter von Oertzen : Der „rote Baron“ der Sozialdemokratie

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Der gerade gewählte Juso-Vorsitzende und spätere Kanzler Gerhard Schröder und Peter von Oertzen auf dem Juso-Kongress 1978 Bild: Wolfgang Steche / VISUM

Die SPD verkörpert immer wieder einmal mehrere Parteien. Hier wird ein führender Linker gewürdigt.

          Peter von Oertzen ist einer breiteren Öffentlichkeit als marxistischer Parteitheoretiker der SPD und als niedersächsischer Kultusminister, der die Professoren auf die Barrikaden trieb, im Gedächtnis geblieben. In seiner Biographie über von Oertzen beschreibt Philipp Kufferath den 1924 geborenen „roten Baron“ als einen politischen Netzwerker und zeichnet dessen intellektuelle Prägungen nach, wobei er die Frage aufwirft, ob es im Leben von Oertzens, der wie viele andere seiner Generation das Jahr 1945 als einen Bruch erlebte, einen „Identitätskern“ gab. Oertzen wuchs in Berlin bei seiner Mutter auf, geistig und politisch beeinflusste ihn jedoch vor allem sein Vater, der Journalist Friedrich Wilhelm von Oertzen, der sich dem zur Konservativen Revolution zählenden Tat-Kreis angeschlossen hatte, der antikapitalistische Kritik mit nationalistischen Bekenntnissen verband. Er vermittelte ihm ein aristokratisches Standesbewusstsein und preußische Tugenden, die der Sohn zunächst auch internalisierte und verteidigte. Nach seiner Einberufung zum Heeresdienst an der Ostfront 1942 strebte er die Laufbahn eines Offiziers an und kämpfte nach eigenem Eingeständnis bis Kriegsende als „Anhänger der Irrlehre des Nazismus“.

          In Göttingen, wo er seit 1946 studierte, trat er in die SPD ein und engagierte sich im damals noch parteiloyalen SDS. Zunächst ethischer Sozialist, der die mangelnde Distanz der SPD zum marxistischen Materialismus beklagte, entwickelte er sich unter dem Einfluss seines Mentors, des niedersächsischen Landtagsabgeordneten Erich Gerlach, zu einem überzeugten Marxisten mit Sympathien für den Rätekommunismus. In den 1950er Jahren markierte, so sein Biograph, die „dreifache Abgrenzung gegenüber sozialdemokratischem Traditionalismus, sozialliberaler Erneuerung und kommunistischem Dogmatismus“ für ihn einen „ganz entscheidenden Identitätskern“. Er bewegte sich in linkssozialistischen Zirkeln und Redaktionsstuben, rief die Zeitschrift „Sozialistische Politik“ als Diskussionsforum der Linken ins Leben, vernetzte Gewerkschaftsfunktionäre, Betriebsräte und Sozialwissenschaftler und versuchte, die sozialdemokratische Betriebsgruppenarbeit zu aktivieren. Im Zentrum seines sozialistischen Credos stand die Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum und die Einführung einer Arbeiterselbstverwaltung. So erstaunt es nicht weiter, dass er 1959 zu den 16 Delegierten gehörte, die das Godesberger Programm der SPD ablehnten. Große Aufmerksamkeit unter Historikern fand seine 1963 erschienene Habilitationsschrift über die betrieblichen und wirtschaftlichen Arbeiterräte in der Novemberrevolution 1918/19, von der Impulse für die Erforschung und Umwertung der Rolle der Arbeiterräte ausgingen.

          Seinen politischen Aufstieg verdankte von Oertzen nicht nur seiner guten politischen Vernetzung, sondern vor allem der Studentenbewegung und der Verschiebung der politischen Landschaft nach links. 1970 trat er die Nachfolge des „Kanalarbeiters“ Egon Franke als Vorsitzender im Bezirk Hannover und des Landesausschusses der SPD in Niedersachsen an und übernahm das Amt des Kultusministers, in dem er durch die Einführung von Gesamtschulmodellprojekten und Orientierungsstufen, die Ausdehnung der Mitbestimmungsrechte an Hochschulen sowie die einseitige Berufung linksstehender Hochschullehrer schon bald unter Beschuss geriet. Nach der Verabschiedung des sogenannten niedersächsischen Vorschaltgesetzes, das die Professorenmehrheit in den Hochschulgremien gefährdete, traten Hochschullehrer von ihren Posten zurück, boykottierten Wahlen, gingen mit Anfechtungsklagen gegen Wahlverfahren vor und riefen schließlich mit Erfolg das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe an.

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