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Peter Jochen Winters : Ohne Vorgaben aus Frankfurt

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DDR-Presseausweis für den F.A.Z.-Korrespondenten Peter Jochen Winters Bild: Abb.a.d.bespr. Buch

Nach 1990 setzte sich der F.A.Z.-Korrespondent Peter Jochen Winters aus seiner Erfahrung in Ost-Berlin heraus versöhnlich mit der DDR-Vergangenheit auseinander. So trat er für Manfred Stolpe ein, über den er bei früheren Treffen einen positiven Eindruck gewonnen hatte.

          In Deutschland gibt es nur wenige fundierte Studien über einflussreiche Journalisten und Medien. Denn anders als in westlichen Nachbarländern ist der Zugang zu deren Nachlässen und Verlagsarchiven meist versperrt. Insofern überrascht eine Biographie über Peter Jochen Winters, der heute kaum einer großen Leserschaft bekannt ist. Sein Lebensweg kreuzte vor allem zwei wichtigen Stationen deutscher Geschichte: 1960 startete er seine Karriere beim konservativen Wochenblatt „Christ und Welt“, für das er preisgekrönt über den Auschwitz-Prozess berichtete. Acht Jahre später wechselte er zur F.A.Z., für die er ab 1972 aus dem westlichen Teil Berlins berichtete, ab 1977 zugleich als akkreditierter Korrespondent aus dem Osten der Stadt. Winters zählte damit zu den Vermittlern im geteilten Deutschland.

          Da die Sachbuchautorin Nicole Glocke bereits gemeinsam mit Winters publizierte, ist eine kritische Distanz nicht unbedingt zu erwarten. Schon eingangs betont sie, auf Bewertungen zu verzichten. Tatsächlich schwankt das Buch zwischen verständnisvoller Auftragsarbeit und Autobiographie in dritter Person. Lange Gespräche mit Winters bilden die Hauptquelle, andere Zeugnisse werden weitgehend ausgeblendet, mit Ausnahme von Winters Stasi-Akte und einzelnen Befragungen von Weggefährten. Winters Artikel erwähnt sie vielfach, wertet sie jedoch selten vergleichend aus. Was an seinen Berichten über den Auschwitz-Prozess oder aus Ost-Berlin besonders war, bleibt auch deshalb etwas unklar, weil sie die bisherige Literatur über andere Korrespondenten und deren Publikationen ausblendet.

          Lässt man sich auf dieses Genre ein, liest man den Lebensweg von Winters jedoch mit Gewinn. Auf Empfehlung seines Doktorvaters Arnold Bergstraesser erhielt Winters seine Festanstellung bei „Christ und Welt“, damals die größte bundesdeutsche Wochenzeitung. Dort stieß er auf deren Chefredakteur Giselher Wirsing, einen eifrigen Propagandisten im Nationalsozialismus, der nun bürgerliche Leser zwischen Christdemokratie und rechtem Rand ansprach. Einen Bericht über den Auschwitz-Prozess hielt Wirsing für unnötig. Winters setzte sich durch und verfasste lange abgewogene Artikel, die den Deutschen Journalistenpreis erhielten. Die Episode zeigt, wie sich das konservative Milieu in den 1960er Jahren liberalisierte. Weitere Texte über prominente Täter und Widerstandskämpfer von Winters folgten. Als einer der Leser, Hitlers Nachfolger Karl Dönitz, daraufhin sein Abonnement kündigte, führte Winters mit ihm rücksichtsvolle Gespräche über dessen Sicht der Vergangenheit, die „Christ und Welt“ ebenfalls druckte.

          Die anschließenden drei Jahrzehnte bei der F.A.Z. bewertet Winters rückblickend als eine ruhige Zeit mit großen Freiheiten. Selbst bei seinen Berichten aus Ost-Berlin habe die Frankfurter Hausleitung nie Vorgaben gemacht und die Artikel weitgehend ohne Änderungen gedruckt. Diese Erinnerung ist bemerkenswert, da Winters der neuen Ostpolitik aufgeschlossener gegenüberstand und Anfang der 1970er Jahre für mehr Rechte der Redakteure gegenüber den F.A.Z.-Herausgebern stritt.

          In Ost-Berlin war die F.A.Z. mit zwei Korrespondenten besonders stark aufgestellt. Allerdings beließ auch Winters seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt im Westen der Stadt, obgleich die SED ihm für horrende Mieten Arbeits- und Wohnraum zur Verfügung stellte. Ein wichtiger Anlaufpunkt für den Korrespondenten war die Ständige Vertretung der Bundesrepublik. Winters hat sie als offenes Haus in Erinnerung, das zwischen Ost und West vermittelte. Er selbst übernahm ebenfalls diese Rolle, indem er Manuskripte aus der DDR schmuggelte und westliche Publizistik heimlich einführte. Die Gespräche mit Kirchenvertretern seien für ihn zentrale Quellen gewesen und Thema vieler Berichte. Zugleich betont Winters, er habe kaum direkten Kontakt zu Oppositionellen gesucht und selbst im Herbst 1989 sehr zurückhaltend über deren Aktionen berichtet, um sie nicht zu gefährden. Gegenüber den Straßenprotesten blieb er vergleichsweise kritisch, da er eine Umgestaltung der DDR nur von oben für möglich erachtete.

          Nach 1990 setzte sich Winters aus seiner Erfahrung heraus versöhnlich mit der DDR-Vergangenheit auseinander. So trat er für Manfred Stolpe ein, über den er bei früheren Treffen einen positiven Eindruck gewonnen hatte. Zugleich wandte Winters sich gegen eine Gleichsetzung der DDR mit dem Nationalsozialismus und gegen Historiker, die eine Allmacht der SED betonten und die Sicht der Stasi übernahmen. Zu seinem Abschied 1999 lud er sogar seine früheren „Führungsoffiziere“ ein und suchte danach das kritische Gespräch mit Markus Wolf, dem langjährigen Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit.

          Winters Leben ist damit ein Anstoß, sich umfassender mit Journalisten auseinanderzusetzen, die selbst zu historischen Akteuren wurden und in keine Schublade passen. Sie zeigt zudem die Spielräume in der F.A.Z. Unabhängige Journalisten verdienen jedoch kritische Biographien, die umfassend Quellen auswerten.

          Nicole Glocke: Peter Jochen Winters. Ein Leben als politischer Journalist im 20. Jahrhundert. Metropol Verlag, Berlin 2016. 392 S., 24,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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