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Paul Widmer: Minister Hans Frölicher Der verkannte Gesandte

Hans Frölicher (1887-1961) gilt seit Jahrzehnten als der am meisten verachtete Diplomat der Schweiz. Vom Juni 1938 bis zum Mai 1945 leitete er die Vertretung der Eidgenossenschaft in der Reichshauptstadt.

© Abbildung aus dem besprochenen Buch Vergrößern Minister Hans Frölicher in Berlin in Diplomatenuniform (1938).

Hans Frölicher gilt seit Jahrzehnten als der am meisten verachtete Diplomat der Schweiz. Vom Juni 1938 bis zum Mai 1945 leitete er die Vertretung der Eidgenossenschaft in der Reichshauptstadt. Sein Biograph Paul Widmer - schweizerischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, Historiker und Verfasser einer vielbeachteten Studie über die Geschichte des Berliner Postens von der Gründung bis zum Ende des Deutschen Reiches - will ihm historische Gerechtigkeit widerfahren lassen. Frölicher habe „eine kluge Politik in Berlin und eine schlechte in Bern“ betrieben.

Rainer  Blasius Folgen:  

Der Gesandte habe wohl nie Sympathien für den Nationalsozialismus gehabt, sich jedoch vom Auswärtigen Amt, insbesondere von Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, einlullen lassen und sich im Zweiten Weltkrieg in Bern „immer wieder für freundliche Gesten dem Reich gegenüber“ verwandt. Seine Haltung wurde begünstigt „durch eine innige Verehrung deutscher Kultur und ein unerschütterliches Vertrauen in die Deutschen“. Daher verbannte er bis tief in das Jahr 1943 hinein „die Vertreibung und Vernichtung der Juden aus seinem Gesichtskreis. Er sprach und schrieb nicht über das, was im Dritten Reich vorging.“ Von seiner Anpassungsleidenschaft profitierte die Wirtschaft der Schweiz. Im Vergleich zu Lichtgestalten der eidgenössischen Diplomatie - Carl Jakob Burckhardt, Paul Ruegger und Walter Stucki - schneidet er respektabel ab, weil auch seine Kollegen im Umgang mit Faschismus, Nationalsozialismus und Vichy keine makellose Weste hatten: „Jeder bekommt einen Spritzer ab“ in einem „totalitär-autoritären Ambiente“, meint Widmer. Die Spitzendiplomaten hätten - wie viele Schweizer - „die rote Gefahr mehr als die braune Pest“ gefürchtet. Der ehrliche Frölicher habe weder in seinem Tagebuch noch in seinen Memoiren etwas „nachträglich geschönt“.

Paul Widmer: Minister Hans Frölicher. Der umstrittenste Schweizer Diplomat. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2012. 263 S., 37,- €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.11.2012, 15:40 Uhr

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