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„Parteiintellektuelle“ : Quartett der Denker für Bonner Lenker

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Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf beim DB-GDL-Einsatz im Jahr 2007 in Frankfurt Bild: Reuters

Je zwei Vordenker der Volksparteien CDU und SPD untersucht Lars Tschirschwitz in seiner fleißigen Studie: Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler für die Union, Erhard Eppler und Peter Glotz für die Sozialdemokratie. Diese Parteiintellektuellen behandelt der Autor vor dem Hintergrund des Strukturbruches von 1973.

          Ralf Dahrendorf drückte sich klar aus. Glotz sei ein Träumer. Dies teilte er ihm im November 1989 selbst mit. Peter Glotz hatte sich darüber Gedanken gemacht, wie der Zug zum wiedervereinigten Deutschland aufgehalten oder umgeleitet werden könnte. Seine Aufgabe wäre es als Parteiintellektueller gewesen, der SPD jenseits der Wahlkampftaktik Oskar Lafontaines Orientierung zu geben. Dies tat an seiner Stelle dann Übervater Willy Brandt. Ist das die (nationalstaatliche) Realität verleugnende Verhalten von Glotz symptomatisch für westdeutsche Parteiintellektuelle der 1970er bis 1990er Jahre?

          Je zwei Vordenker der Volksparteien CDU und SPD untersucht Lars Tschirschwitz in seiner fleißigen Studie: Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler für die Union, Erhard Eppler und Peter Glotz für die Sozialdemokratie. Diese Parteiintellektuellen behandelt der Autor vor dem Hintergrund des von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael konturierten, in letzter Zeit in der Geschichtswissenschaft wieder relativierten Strukturbruches von 1973. Auf die Jahre des lang anhaltenden Nachkriegsbooms folgten mit dem Ende des Währungssystems von Bretton Woods, der Ölpreiskrise, hoher Arbeitslosigkeit und Stagflation dann Verunsicherung und Krise. 1968 und die Folgen eines tiefgreifenden Wertewandels, dessen Diagnostik und Periodisierung in der Forschung derzeit debattiert werden, schufen Bedarf nach neuer Orientierung. Hinzu kamen spezifisch parteipolitische Bedingungen. Die CDU musste sich im „roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen) neu finden, die Oppositionsrolle annehmen und die Partei professionalisieren. Die SPD sah sich nach dem Rücktritt Willy Brandts mit der pragmatischen Politik des Bundeskanzlers Helmut Schmidt konfrontiert, die ihre Seele frösteln ließ. Gerade der engagierte Protestant Eppler sah es als seine Aufgabe an, die Genossen wieder mit Stallwärme zu versorgen.

          Was macht einen Funktionär aber zu einem „Parteiintellektuellen“? Intellektuelle sind Kopfarbeiter, die sich jenseits ihrer eigentlichen Expertise kritisch zu gesamtgesellschaftlichen Sachverhalten äußern, mit dem Ziel, diese zu verändern. Den „Parteiintellektuellen“ kam die Aufgabe zu, in einer sich wandelnden, von der Protestgeneration attackierten Bundesrepublik den vorpolitischen Raum zu besetzen und als „Erzähler“ ihre Parteien auf die veränderte Lage einzustellen. Akademisches Prestige, Expertise, gekonnte Positionierung in der Medienöffentlichkeit mit ihrem Bedürfnis nach Personalisierung und Zuspitzung sowie gleichzeitig demonstrative Dialogbereitschaft mit der protestierenden Jugend, den Kirchen und Intellektuellen kennzeichneten den Stil der vorgestellten Politiker.

          Letztlich versuchten die Parteiintellektuellen damit einen Konsens zu finden oder zu prägen, der gerade über die Grenzen der eigenen Partei reichen sollte. Sie bemühten sich darüber hinaus, eigene Themen zu finden und zu setzen. Geißler war hierbei besonders findig. Mit der „Neuen Sozialen Frage“ nahm er Familien, Frauen und Alte in den Blick, der Autor nennt das „konservativen Feminismus“. Bei der „multikulturellen Gesellschaft“ geriet er 1988 regelrecht ins Schwärmen: „Für ein Land in der Mitte Europas ist die Vision einer multikulturellen Gesellschaft eine große Chance.“ So naiv das klingt, so fragt man sich auch, wie wohl die Reaktionen aussähen, wenn heute ein Unionspolitiker wie damals Alfred Dregger dem von Geißler geforderten „sozialen und ethnischen Pluralismus“ entgegensetzen würde, dass „der Rest Deutschlands in erster Linie den Deutschen vorbehalten bleibt“?

          Mit der plötzlichen Rückkehr der von allen vier Parteiintellektuellen aus dem Blick verlorenen „Deutschen Frage“ und dem Ende des Ost-West-Konflikts endete die Hochzeit der Parteiintellektuellen. Bei diesen Schlüsselthemen hatten die vorgestellten Akteure keine gute Figur abgegeben. Eppler ließ sich in Konfrontation mit Bundeskanzler Schmidt von der teilweise aus der DDR gesteuerten Friedensbewegung vor den Karren spannen. Allerdings – das muss zu Epplers Ehrenrettung gesagt werden – unterzeichnete er nicht den von der DKP und ihrer Ablegerorganisation Deutsche Friedensunion (DFU) initiierten berüchtigten „Krefelder Appell“ von 1980, der eine einseitige „Abrüstung West“ forderte und zur sowjetischen Aufrüstung, den Menschenrechtsverstößen im Ostblock und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan schwieg.

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