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Otto von Bismarck : Steuermann und Wellenreiter

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Kladderadatsch-Karikatur (1879) Bild: Abb. aus dem Buch Bismarck von Christoph Nonn

Die Neuerscheinungen zu Bismarcks 200. Geburtstag fragen nach den Widersprüchen einer Persönlichkeit, in der unterschiedliche Rollenbilder nebeneinander existieren: Preuße und Reichsgründer, Christ und Kulturkämpfer, Landjunker und Shakespeare-Verehrer, Hüne und Hypochonder.

          An Büchern über Bismarck herrscht auf den ersten Blick kein Mangel. In gewisser Weise steht die Figur des Reichsgründers dabei geradezu am Beginn einer Renaissance des biographischen Genres, die in der Geschichtswissenschaft lange Zeit als ausgeschlossen galt. Lothar Galls klassisch gewordene Biographie, ein Meisterwerk nüchterner Reflexion, das den „weißen Revolutionär“ im Titel führt, rehabilitierte 1980 jedoch nicht nur die Auseinandersetzung mit historischen Persönlichkeiten. Zugleich entzog sie Bismarck jener politisch-ideologischen Instrumentalisierung, die sich seit dem 19. Jahrhundert unablässig zwischen Bewunderung und Verachtung, Apotheose und Verdammnis bewegt hatte. Wobei der Untergang des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg die Tendenz zur Dämonisierung noch beförderte.

          Von solchen weltanschaulichen Großdebatten sind wir heute weiter entfernt denn je. Die Neuerscheinungen zu Bismarcks 200. Geburtstag, deren Zahl bezeichnend überschaubar ist, fragen denn auch weniger nach dem Genialischen beziehungsweise Dämonischen, sondern nach den Widersprüchen einer Persönlichkeit, in der unterschiedliche Rollenbilder nebeneinander existieren: Preuße und Reichsgründer, Christ und Kulturkämpfer, Landjunker und Shakespeare-Verehrer, Hüne und Hypochonder.

          Wer ein stimmiges Bismarck-Porträt erwartet, das einzelne Nuancen betont, ohne die Hell-dunkel-Kontraste über Gebühr zu strapazieren, ist mit der Biographie von Hans-Christof Kraus hervorragend bedient. Er erzählt die Geschichte von Bismarcks Leben hübsch der Reihe nach, stets abgewogen und anschaulich: von der unglücklichen Kindheit und den wilden Studienjahren über den Eintritt in die Politik und die frühe diplomatische Karriere bis hin zur Berufung zum preußischen Ministerpräsidenten, der Reichsgründung und den innen- wie außenpolitischen Herausforderungen der 1870er und 1880er Jahre.

          Dabei weiß Kraus nur zu gut, dass der Historiker weder zum Richter noch zum Henker taugt. Er kennt Bismarcks Schwächen, er weiß um seine Grenzen, etwa mit Blick auf die unnachgiebige Haltung gegenüber Katholiken und Sozialdemokraten. Er ist mit Bismarcks Rachsucht und Egoismus, gewissermaßen die Kehrseite seiner unbändigen Willenskraft, peinlich vertraut, und er zögert nicht, „politische Fehleinschätzungen“ unumwunden zu benennen, etwa die Isolierung Frankreichs nach 1871, die die europäische Ordnung dauerhaft belastete und die Blockbildung vorantrieb. Aber er scheut sich, den Stab über Bismarck zu brechen. Nicht verurteilen will er den „Eisernen Kanzler“, sondern ihn in ganz traditionellem Sinn verstehen, die Beweggründe seines Handelns entschlüsseln und das Handeln selbst an den Möglichkeiten und Bedingungen der Epoche messen. Vor diesem Hintergrund werden auch Bismarcks Leistungen deutlicher, etwa beim Aufbau des Sozialstaats, den Kraus als „einmalige Pionierleistung“ bewertet, oder bei jener „aktiven europäischen Friedenspolitik“, die sich ebenso durch taktische Finesse wie durch diplomatische Flickschusterei auszeichnete.

          Es wird Leser geben, die ein solches Buch, ohne modisches Vokabular, ohne denunziatorische Aufgeregtheit, ohne pseudo-journalistischen Gegenwartsbezug, schlichtweg für altmodisch halten, für den Versuch, Bismarcks Leben und Werk mit dem methodischen Rüstzeug des Kaiserreichs zu rekonstruieren, für ein gleichsam neorankeanisches Glasperlenspiel. Die unaufgeregte Haltung, mit der Kraus seinem Helden begegnet, der distanzierte Blick, mit dem er Bismarcks politisches Handeln betrachtet, es weder verdammt noch verherrlicht, setzt sie bereits im voraus ins Unrecht. Wenn Kraus, in enger Tuchfühlung mit den Quellen, etwa schildert, wie sich Bismarck in den 1850er Jahren Schritt für Schritt von seinen hochkonservativen Anfängen entfernte, wie sein Denken pragmatischer und zugleich unbefangener wurde, wie die adlige Prinzipienreiterei zunehmend einer realpolitischen Betrachtungsweise wich, dann entsteht ein feinziseliertes Bild von Bismarcks Gedankenwelt. Differenzierung tut wohl.

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