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Samstag, 11. Februar 2012
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Öl verdirbt den Charakter

23.11.2005 ·  Allerdings ist bei steigendem Bedarf kein Ersatz in Sicht

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Thomas Seifert/Klaus Werner: Schwarzbuch Öl. Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld. Deuticke Verlag, Wien 2005. 319 Seiten, 21,50 [Euro].

Das Erdöl teilt mit einigen anderen Ressourcen (Gold, Diamanten) die fatale Reputation, den Charakter zu verderben. Das unterscheidet Öl beispielsweise von der Pottasche, der man derlei eigentlich nicht zutraut. Um das Öl gibt es zahllose Schauergeschichten. Dabei geht es fast immer um seinen üblen Einfluß. Jede schwarze Romantik braucht empirische Anhalts- und Bezugspunkte. Hier hat man allerdings auch mehr als genug davon.

Selbstverständlich ist es eine Binsenweisheit, daß die Mobilität und letztlich der Lebensstandard der Menschen in der sich weiter globalisierenden Welt nicht nur, aber in starkem Maße vom Erdöl abhängen. Das ist nun schon seit mehreren Generationen so. In dieser Zeitspanne haben sich eine Menge Geschichten über kulturelle, wirtschaftliche und politische Konflikte um das Erdöl angesammelt. Dabei ist es ein Fehler vieler westlicher Urteile über solche Konflikte, daß deren kulturelle Dimension für nicht so wichtig gehalten wird. Statt dessen stehen meist nur ökonomische Interessendivergenzen im Vordergrund. Die lassen - oder ließen - sich aber mit letztlich einfachen Kompromissen einebnen. Wer jedoch etwa Abdalrachman Munifs Roman "Salzstädte" (siehe F.A.Z. vom 27. Januar 2004) gelesen hat, wird sich über die Wucht und die schiere Unversöhnlichkeit der kulturellen Konflikte keine Illusionen mehr machen, die mit dem Vordringen der Erdölförderindustrie in arabischen und islamisch geprägten Ländern aufkamen. Das Fatale an solchen Konflikten besteht darin, daß man sie jederzeit neu entfachen kann.

Als erfahrene und vielgereiste Journalisten haben Thomas Seifert und Klaus Werner zwar einen Blick für diese Konfliktdimension; aber meistens beschränken sie sich auf die Wirtschaft und die Politik. Da gibt es auch genug zu berichten. Daß die Autoren ihre sehr informativen Reportagen als "Schwarzbuch" aufmotzen und ihre meist sachliche Sprache zuweilen pseudosarkastisch krähen lassen, mag als chic gelten. Dadurch wirkt das Buch jedoch unnötig marktschreierisch. Die einzelnen Kapitel und Unterkapitel ergeben dennoch ein eindrucksvolles Panorama vergangener und gegenwärtiger Ölprobleme. Das größte darunter ist sicherlich die schon heute enorme, aber immer weiter anwachsende Nachfrage nach Erdöl. Aus ihr beziehen die Besitzer der Ölquellen und die großen Ölkonzerne ihre Macht.

Das Verhältnis zwischen den "Besitzern" und den Förderkonzernen ist übrigens entgegen anderslautenden Vorurteilen sehr vielgestaltig. Nun sind es vor allem die industriellen und postindustriellen Länder, deren Energiebedarf steigt, in einigen darunter sogar dramatisch. Diese Länder müssen Erdöl in großen Mengen importieren. Mit der Entkolonialisierung sind einseitige Abhängigkeiten fortgefallen. Die Regierungen der Ölförderstaaten, jede für sich oder gemeinsam im Kartell, wissen sich seit einiger Zeit der mit politischem Druck verbundenen Nachfrage nach billigem Öl ganz gut zu erwehren. Leider haben sie nicht annähernd im gleichen Maß die Fähigkeit erworben, ihre Länder nachhaltig zu modernisieren. Ein Leitmotiv von Seifert und Werner ist "der Ressourcenfluch", womit sie ausdrücken wollen, daß für die Lebensumstände der meisten Menschen in den Ölförderstaaten bis auf wenige Ausnahmen der natürliche Ressourcenreichtum eben nicht förderlich gewesen ist. Luxus für einige, Elend für alle anderen, Geldverschwendung durch Waffenkäufe, gigantische Korruption, Krieg und Umweltzerstörung findet man dort, aber kaum Ansätze einer lebensfähigen Demokratie oder wirksamen Schutz der Menschenrechte.

Die Konflikte und Kriege um das Öl in der Region des Persischen Golfs von Mossadeghs Sturz mit Hilfe der CIA bis zur amerikanischen Invasion im Irak 2003 bieten ein ziemlich unerfreuliches Bild internationaler Ölpolitik. Heute drohen ähnlich intensive Auseinandersetzungen in der Region um das Kaspische Meer. Seifert und Werner widmen das letzte Kapitel ihres Buches der Frage nach dem Verschwinden des Öls: Was wird passieren, wenn keine neuen Förderfelder entdeckt werden? Kann man sich die globalisierte Weltwirtschaft ohne die durch Erdöl erzeugte Energie vorstellen? Es gibt ein paar Überlegungen dazu, die etwa von Umweltschützern vorgebracht werden. Seifert und Werner zitieren einige davon zustimmend, von der Tobin-Steuer bis zu einem globalen Marshallplan. Aber sie machen damit nur ungewollt deutlich, daß auch den Alternativen die Phantasie fehlt. Außerdem fallen sie gerade an dieser Stelle in simpelstes Feinbilddenken zurück. Einige Dutzend Großkonzerne als Alleinschuldige auszumachen, damit unterschreiten sie ihr eigenes Argumentationsniveau. Für die Welt insgesamt und besonders für die Staaten mit hohem Ölverbrauch bleibt es eine der dringlichsten Aufgaben, sich auf Zeiten vorzubereiten, in denen ihr Energiebedarf durch andere Quellen befriedigt wird.

WILFRIED VON BREDOW

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2005, Nr. 273 / Seite 8
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