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Nordkorea : Es gilt das gesprochene Wort

Militärparade in Nordkorea Bild: dpa

In Nordkorea ist ein harter Nationalismus untrennbarer Bestandteil der Macht. Das ist auch der schlichten Tatsache geschuldet, dass sich das Regime noch nie auf eine verbündete Großmacht wirklich verlassen konnte.

          Dieses Buch muss man zunächst schon einmal deshalb ernst nehmen, weil der Verfasser zumindest im deutschsprachigen Raum zu denen gehört, die mit am besten über Nordkorea Bescheid wissen. Außerdem ist Rüdiger Frank ein guter und fesselnder Redner. Flüssiger Stil ist für die Lesbarkeit eines Buches sehr von Vorteil. Dieses allerdings liest sich wie ein knapp 400 Seiten langes Redemanuskript, das teilweise zur Autobiographie eines ehemaligen DDR-Bürgers gerät, der oft in Nordkorea war und über Episoden des eigenen Lebens reflektiert. Das ist, zumal für junge Menschen, die die DDR nur vom Hörensagen kennen, nicht uninteressant. Aber nicht immer ist der Bezug zum Thema auf Anhieb erkennbar. Zum Autobiographischen gehört möglicherweise auch, dass Zeitangaben aus der koreanischen Geschichte „religionsfrei“ erscheinen. Frank spricht zum Beispiel vom Jahr 37 „vor unserer Zeitrechnung“, nicht etwa „vor Christi Geburt“.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Es überwiegt bei diesem Buch freilich eindeutig das Positive. Man lernt nämlich viel über Nordkorea. Und nie erweckt der Autor den Eindruck, als habe er hier die ultimative Weisheit über das weiterhin sehr verschlossene Land zwischen zwei Buchdeckel gepresst. 25 Jahre nach Beginn des großen Umbruchs in der kommunistischen Welt können viele Sachverhalte und Begriffe nicht mehr als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt werden. Deshalb muss zum Beispiel erklärt werden, dass und warum eine strenge Ideologie für ein Staatswesen wie das nordkoreanische überlebensnotwendig ist. Vor allem ist hervorzuheben, dass in Nordkorea eine sehr spezielle Spielart des Systems herrscht, das sich „sozialistisch“ nennt. Das meint nicht nur die für Außenstehende grotesken Züge der Führerverherrlichung, die es ähnlich auch in Stalins Sowjetunion gab. In Nordkorea ist vielmehr ein harter Nationalismus untrennbarer Bestandteil der Macht. Das ist auch der schlichten Tatsache geschuldet, dass sich das Regime seit seinem Bestehen - aus seiner Sicht - noch nie auf eine verbündete Großmacht wirklich verlassen konnte. Hinzu kommt etwas, was man „Kleine-Völker-Syndrom“ nennen könnte. Wenn mächtige Nachbarn drohende Schatten werfen, ist die Sehnsucht nach einer spezifischen Identität besonders ausgeprägt.

          In Nordkorea drückt sich dies in Gestalt der Juche-Ideologie aus. Sie suggeriert, das Land (und das Regime) sei alleiniger Herr über alle Aspekte seines Daseins und werde dies auch für alle Zeiten bleiben. Frank arbeitet das Spezifische an diesem System sehr gut heraus. Nachdem man dann gelernt hat, was alles (nämlich so gut wie alles) am Sozialismus in Nordkorea anders ist als an dem im ehemaligen Ostblock, überrascht der ehemalige DDR-Bürger mit Vergleichen, die doch wieder große Nähe beider Systeme nahelegen. Das könnte irritieren. Aber da Frank mit Recht immer wieder hervorhebt, dass man viele Dinge aus und über Nordkorea so genau nicht weiß, könnten die Vergleiche auch wieder stimmen.

          Inhaltliche Klammer der knapp 400 Textseiten ist das Thema Wiedervereinigung, was auch gut begründet werden kann. Nicht nur streben beide Koreas diese offiziell an. Die Regierung im Süden propagiert die Wiedervereinigung seit einigen Monaten verbal sehr offensiv. Deshalb ist der Schluss des Buches besonders hilfreich. Frank behandelt hier die (Nicht-)Vergleichbarkeit der Teilungsgeschichten in Korea und Deutschland. Bahnbrechend Neues steht da zwar nicht. Aber es ist gut, alles einmal kompakt zusammengefasst zu lesen. Unter anderem muss man wohl feststellen, dass das große Problem Nordkoreas, die weitgehende internationale Isolierung, durchaus auch zu einer Stärke werden kann. Wer jahrzehntelang geübt hat, mehr oder weniger allein zu überleben, der ist lebensfähiger als etwa die DDR, die eben auch sehr von politischen und wirtschaftlichen Strukturen im Ostblock abhängig war und ohne Wiedervereinigung wohl nicht überlebt hätte.

          Das Buch behält auch in den analytischen Teilen ein sehr aktuelles „Aroma“. Das ist Stärke und Schwäche zugleich, denn selbst in Nordkorea bleibt die Zeit nicht stehen. Somit ist wohl der Boden für eine aktualisierte Neuauflage schon bereitet.

          Rüdiger Frank. Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014. 428 S., 19,99 €.

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