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Nikolaj Ryschkow: Mein Chef Gorbatschow : Moskauer Dolchstoßlegende

  • -Aktualisiert am

Rechenschaftsbericht im Politbüro: Nikolai Ryschkow im Juli 1990 Bild: Nowosti (APN)

Nikolai Ryschkow war von 1985 bis zu seinem Rücktritt 1990 Ministerpräsident der Sowjetunion. Seine Amtszeit ist geprägt vom Anfang und Ende der „Perestrojka“.

          Vor 25 Jahren, als in Berlin die Mauer fiel, war Nikolai Ryschkow ein wichtiger Mann. Heute ist er so gut wie vergessen; und das zu Recht. Seine unter dem Titel „Mein Chef Gorbatschow“ jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen Erinnerungen bestätigen nur, dass er damals, in einer Zeit revolutionärer Umbrüche, keine entscheidende Rolle gespielt hat. Das Buch verspricht, „die wahre Geschichte“ vom Untergang der Sowjetunion zu erzählen. Die russische Ausgabe heißt: „Der Kronzeuge“. Das trifft schon eher, was der Autor beabsichtigt. Hier wird nicht versucht, wahrhaft historische Ereignisse aus der Sicht eines Mitverantwortlichen zu schildern, damit sie besser verstanden werden. Hier wird angeklagt, nach Schuldigen gesucht, verurteilt. Und wie in einem kommunistischen Schauprozess erklärt sich alles vorwiegend durch Verschwörung und Verrat.

          Ryschkow war von 1985 bis zu seinem Rücktritt 1990 Ministerpräsident der Sowjetunion. Seine Amtszeit ist geprägt vom Anfang und Ende der „Perestrojka“ - jenes großen, gescheiterten Experiments, das die sozialistische Wirtschaft und Gesellschaft durch einen radikalen „Umbau“ weltweit konkurrenzfähig machen und ins nächste Jahrhundert hinüberretten sollte. Der Ministerpräsident war für die Wirtschaft zuständig. Politische Macht hatte er kaum. Die lag, weithin uneingeschränkt, in den Händen des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei und späteren Präsidenten Michail Gorbatschow. Beide sind etwa gleich alt und kamen 1983 in engeren Kontakt, weil Parteichef Jurij Andropow sie beauftragte, Vorschläge für eine Wirtschaftsreform auszuarbeiten. Zwei Jahre später wurde Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU; Ryschkow, der die Wirtschaftsabteilung im Zentralkomitee geleitet hatte, rückte zum Ministerpräsidenten auf. Zunächst waren sie Verbündete. Doch dann gab es immer häufiger Meinungsverschiedenheiten, wie radikal die Reformen sein sollten oder sein mussten. Ihre Wege trennten sich 1989/90, als die politische und wirtschaftliche Elite inmitten einer schweren Versorgungskrise darüber stritt, wie man von der uneffektiven Planwirtschaft zu einem „sozialistischen Markt“, einem „regulierten Markt“ oder zu einer mehr oder weniger freien Marktwirtschaft kommt. Die allseitige Verwirrung spiegelt sich schon in den Begriffen wider.

          Über die Hintergründe des Machtkampfes im Partei- und Staatsapparat erfährt der Leser wenig. Ryschkow gibt nur hier und da etwas von seinem Wissen als Eingeweihter preis. Die eigenen Reformvorstellungen bleiben unklar, sieht man einmal davon ab, dass der Übergang zu marktwirtschaftlichen Verhältnissen „sechs bis acht Jahre“ dauern und die akute Versorgungs- und Finanzkrise durch eine administrative Erhöhung der Preise für Konsumgüter behoben werden sollte. Das lehnte Gorbatschow ab. Nach monatelangem Lavieren schlug er sich - inzwischen nicht nur Parteichef, sondern auch Präsident der Sowjetunion - auf die Seite von Wissenschaftlern, die für eine sofortige Liberalisierung der Wirtschaft eintraten und den Übergang zum Markt mit einem „500-Tage-Plan“ bewältigen wollten. Deren Ziel, kritisiert Ryschkow, sei aber nicht mehr die „Erneuerung des Sozialismus“ gewesen, sondern „die Vernichtung des bestehenden ökonomischen Systems“.

          Schuld am Scheitern der Perestrojka ist aus seiner Sicht die „Demokratisierung“, die Gorbatschow von 1987 an durchzusetzen begann, um den Widerstand, der sich im Parteiapparat gegen die Reformen aufbaute, zu brechen. „Dissidenten“ und „Demokraten“ hätten so eine politische Plattform erhalten, klagt Ryschkow; und der „hilflose Gorbatschow (oder war es einfach Verrat?)“ habe ihren „Verleumdungskampagnen“ gegen die Partei nichts entgegengesetzt: „Die Flamme des Antikommunismus, die von den sogenannten Demokraten immer stärker angefacht wurde, traf auf keinerlei Widerstand.“

          Darüber hinaus wirft er Gorbatschow vor, sich nach dem gescheiterten Putsch im August 1991 weder dem von Boris Jelzin angeordneten Verbot der Kommunistischen Partei noch der wenig später von den politischen Führern Russlands, der Ukraine und Weißrusslands beschlossenen Auflösung der Sowjetunion widersetzt zu haben, statt das Steuer entschlossen herumzureißen. „Die Völker der UdSSR hätten eine solche Reaktion unterstützt“, behauptet Ryschkow. „Nur die nationalistisch eingestellte Oberschicht einiger Unionsrepubliken und die bis aufs Mark käuflichen ,Einflussagenten‘ des Westens wollten den Untergang der UdSSR.“

          Ryschkow war ein sympathisch wirkender, in seiner äußeren Erscheinung nicht uneleganter Ministerpräsident. Er hatte das gigantische Maschinenbau-Kombinat „Uralmasch“ geleitet und entsprach nicht ganz dem Bild des typischen Apparatschiks. In seinen Memoiren kann er sich aber nicht von alten Propaganda-Schlagworten lösen; deshalb hat er auch nicht die Begriffe zur Hand, um selbst zu verstehen und verständlich zu machen, was damals „wirklich geschehen ist“. So bleibt sein Buch auf dem Niveau einer Dolchstoßlegende: Der Sozialismus sowjetischer Prägung würde noch immer siegen, hätten ihn nicht eitle, verantwortungslose Schurken ohne Rücksicht auf die Leiden des Volkes zur Strecke gebracht. Man fragt sich, was den Verlag „Das Neue Berlin“ bewogen haben mag, dieses Pamphlet für ein deutsches Publikum übersetzen zu lassen.

          Nikolai Ryschkow: Mein Chef Gorbatschow. Die wahre Geschichte eines Untergangs. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2013. 288 S., 16,99 [Euro].

          Quelle: F.A.Z.

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