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Nichtraucherschutz : Nikotinfreies Genussduschen

  • -Aktualisiert am

Sebastian Frankenberger (ÖDP, Bürgeraktivist, Bundesvorsitzender ÖDP, war Initiator des Nichtaucher-Volksbegehrens in Bayern) auf dem Oktoberfest 2011. Bild: dpa

Die vorgezogene Autobiographie von Sebastian Frankenberger zeigt, wessen Geistes Kind der Nichtraucherschutz sein kann: politisches Genussduschen.

          Für eine politische Rampensau wie Sebastian Frankenberger, den aktuellen Guinness-Weltrekordhalter im Dauerdebattieren (44 Stunden), kann es wohl kein einschneidenderes Erlebnis geben, als eine ganze Woche in der Eremitenklause des Linzer Domturms zu verbringen. In dieser selbst verordneten Auszeit staute sich so viel Mitteilungsbedürfnis auf, dass er anschließend 175 Buchseiten brauchte, um es wieder loszuwerden. Über Frankenberger, den Hauptinitiator des erfolgreichen Volksbegehrens für einen strengen Raucherschutz in Bayern, ist viel geschrieben worden. Kein Medium hat sich die Geschichte des frommen CSU-Rebellen entgehen lassen, der seine angestammte Partei das Fürchten lehrte und darüber zum Bundesvorsitzenden der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) avancierte. Jetzt soll die Welt noch einmal von ihm selbst erfahren, wie er wirklich ist.

          Das nimmt schon auf den ersten Seiten seines Eremiten-Tagebuchs peinliche Züge einer aufs dreißigste Lebensjahr vorgezogenen Autobiographie an. Bevor von den im Vorwort versprochenen „Visionen“ die Rede ist, wird ausgiebig Nabelschau gehalten über momentane Befindlichkeiten, alltägliche Verrichtungen wie essen und schlafen, musikalische (Hilliard Ensemble) und sonstige Vorlieben (eigenes Bettzeug, eigene Bücher). Das Ganze kunstlos verwoben mit Rückblicken auf vergangene Großtaten: wie er die Tourismusführungen durch die Linzer Altstadt revolutionierte und dort die „lange Nacht der Kirchen“ mitorganisierte. Wir erfahren, warum er allen ökologischen Gewissensbissen zum Trotz ein „Genussduscher“ ist und warum er sein Theologiestudium abgebrochen hat.

          Vor allem erfahren wir auf Schritt und Tritt von Frankenbergers religiösen Gefühlen. Ob er nächtens durchs Donautal fährt, einen Alpengipfel erklimmt, seinen zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten nachgeht - stets ist er von neuem ergriffen von der Spiritualität des Augenblicks, des Ortes oder vielleicht auch nur von der eigenen Ergriffenheit. Abgestoßen von der „Doppelmoral“ in der katholischen Kirche, entdeckt der treue Oberministrant der Gemeinde St. Josef-Auerbach in Passau seine „Berufung in der Nachfolge Christi“ darin, „die Botschaft auf eine andere Art zu verkünden“ - nicht als Geistlicher, sondern als Politiker. Als solcher muss er, wie Jesus, viel aushalten: Schmähungen, Drohbriefe, Kritik an allem, was er tut. Doch nichts kann ihn abbringen von seinem Glauben an das Gute in jedem Menschen, vor allem in sich selbst.

          In seiner Eremitenklause geht Frankenberger den Gleichnissen Jesu aus dem Neuen Testament auf den Grund. Welches er sich auch immer vornimmt - das vom anvertrauten Geld (Lukas 19, 11-27), das von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20, 1-16) -, jedes Mal kommt er zu ähnlichen Schlüssen: „Die politischen Führer sollen das kapitalistisch-materialistische Ausbeutungssystem beenden.“ Und das Volk soll „den Weg einer friedlichen Revolution“ gehen - also genau das tun, was Frankenberger in seiner Doppelrolle als politischer Führer und einfacher Bürger für richtig befindet. So einfach wird Politik, wenn man sie direkt aus der Bibel bezieht. Aber der Weg ist dennoch steinig. Sogar in der ÖDP wollen Frankenberger noch nicht alle folgen. Ständig wird er von Neidern und Anfeindungen bedrängt.

          Mit jugendlicher Unbekümmertheit stellt er sein ganz persönliches politisches Glaubensbekenntnis auf „drei Säulen“: Schluss mit der Wachstumsideologie, Vorrang für Bildung und Soziales, mehr direkte Demokratie. So kommt er zum Schluss endlich doch noch auf das Thema Plebiszite zu sprechen. Umständlich widerlegt er die Gegenargumente, die ihm gerade einfallen: Dass das Volk nicht dümmer sei als seine Repräsentanten, ist sein wichtigster Punkt. Und die Schweiz sein Paradebeispiel. Und wenn das Volk gar nicht so versessen darauf ist, an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen? Dann muss eben „Demokratie erlernt werden“.

          Viel mehr kommt da nicht. Der Rest sind „Visionen“ von einer Gesellschaft, die „diesen Planeten nicht mehr ausbeutet und zerstört, sondern allen ihren Platz zum Leben erhält“ - was ja ganz sympathisch ist, aber schwer zu ertragen, wenn es so vorgetragen wird, als habe ihm das der Heilige Geist persönlich eingegeben. Von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den historischen Wurzeln unseres repräsentativen Systems, mit demokratietheoretischen Argumenten ist er weit entfernt. Dazu ist er ist viel zu beschäftigt mit seiner nächsten Kampagne für ein bundesweites Volksbegehren. Der ÖDP-Vorsitzende hat ein unerhört geschwätziges Buch abgeliefert, dessen Wert allein darin liegt, dass es zahlreiche Medienberichte über Sebastian Frankenberger tatsächlich Lügen straft. So selbstgefällig spätpubertär, wie er sich unfreiwillig selbst darstellt, hat ihn noch kein Journalist porträtiert.

          Sebastian Frankenberger: Volk, entscheide! Visionen eines christlichen Polit-Rebells. Mit einem Vorwort von Heiner Geißler. Kösel Verlag, München 2011. 176 Seiten, 14,99 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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