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Neuausgabe „Mein Kampf“ : Editoren gegen Hitler

Das „Kampf-Häusl“ auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden wurde 1951 abgerissen. Bild: Abb. a.d.besprochenen Buch

Hitler liebte es martialisch. Die Editoren des Münchener Instituts für Zeitgeschichte auch. Sie wollen ihn in der kräftig kommentierten Neuausgabe von „Mein Kampf“ nach eigener Aussage „umzingeln“ und sich selbstbewusst mit dem „vergifteten Buch“ von 1925/26 auseinandersetzen.

          Nach dem medialen Rummel vom 8. Januar im Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) kann jetzt jeder Interessierte die Kärrnerarbeit des Editoren-Teams bestaunen: Das Buch „Mein Kampf“ wird scharf seziert, kräftig kommentiert und sein Autor Hitler detailliert dekonstruiert: was er verschwieg, wie er log, wo er sich irrte, welche „Denkfehler“ ihm unterliefen, wem er „Seitenhiebe“ verpasste, worauf er anspielte, warum er über- oder auch untertrieb, wieso er sich selbst widersprach - all das auf 1966 Seiten in zwei grauen Leinenbänden, herausgegeben im Selbstverlag des IfZ und für 59 Euro erhältlich.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          In der Zweiteilung der Publikation spiegelt sich die Entstehungsgeschichte wider. Erst die „Volksausgabe“ von 1930 fasste den am 18. Juli 1925 erschienenen ersten Band mit dem Untertitel „Eine Abrechnung“ und den seit dem 10. Dezember 1926 zugänglichen zweiten Band mit dem Untertitel „Die nationalsozialistische Bewegung“ zusammen. Da lag es nahe, sich jeweils mit den Erstausgaben auseinanderzusetzen und Änderungen durch Abgleich mit einzelnen Auflagen - von der Volksausgabe 1930 bis zur 1031. Auflage 1944 - in Form von textkritischen Randbemerkungen am Ursprungstext zu benennen.

          Die ersten Auflagen von „Mein Kampf“ wurden in der seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verbreiteten Unger-Fraktur gedruckt, erst nach 1933 erfolgte die Umstellung auf die Antiqua. Bei der Schriftauswahl für die Edition erschien den IfZ-Historikern ein Neusatz in der Unger-Fraktur als „zu respektvoll gegenüber dem Originaltext“. Dafür bot sich zunächst die Trump-Antiqua an: „Bei den weiteren Recherchen stellte sich allerdings heraus, dass Georg Trump die Münchner Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker übernommen hatte - ein Amt, in das er damals mit ,freudig aufgenommenen Sieg-Heil-Rufen auf den Führer‘ eingeführt wurde.“ Weil eine solche „Nähe“ zum Nationalsozialismus auf keinen Fall hergestellt werden sollte, kam die Schrift Scala des Niederländers Martin Majoor von 1993 zum Zuge. Schon hier zeigt sich, auf welch vermintem Gelände sich die Editoren bewegen mussten und dabei nie das Gedenken an die millionenfachen Opfer des Nationalsozialismus und die Gefühle von Überlebenden und Nachkommen aus dem Blickfeld verlieren durften.

          Für die Dauer von 70 Jahren bestand in Deutschland für „Mein Kampf“ ein Publikationsverbot, das Ende 2015 ausgelaufen ist. Laut Vorwort von IfZ-Direktor Andreas Wirsching wäre es „wissenschaftlich, politisch und moralisch nicht zu verantworten, dieses rassistische Konvolut der Unmenschlichkeit gemeinfrei und kommentarlos vagabundieren zu lassen, ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gewissermaßen in die Schranken weist“. Das IfZ-Wissenschaftlerteam entschied sich für eine „Edition mit Standpunkt“, für eine selbstbewusste „Auseinandersetzung mit Hitlers Text“, der zugleich als historische Quelle und als Symbol gilt. Ein breiteres Publikum soll erreicht werden. Dies erfordere eine „zum Teil auch deutlichere Positionierung im Anmerkungsapparat“ als „sonst in einer Edition üblich“ - mithin also ein editorischer Sonderweg für ein „vergiftetes Buch, ein Gral des Bösen“.

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