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Humanitäre NGO-Hilfe : Unentrinnbare Eigenlogik

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Nichtregierungsorganisationen sehen sich gegenüber anderen politischen Akteuren moralisch gerne überlegen. Objektive Sachzwänge - auch für sie selbst - blenden sie aus.

          Humanitär ausgerichtete Nichtregierungsorganisationen werden einerseits für die solidarischen Werte, für die sie in vorbildlicher Weise stehen oder doch zumindest zu stehen scheinen, gefeiert, andererseits für die wirkliche oder vermeintliche Verfolgung „unreiner“ Interessen geschmäht. Monika Krause löst sich in ihrer organisationssoziologischen Studie aus diesem binären Bewertungsschema. Sie untersucht die von NGOs geleistete humanitäre Hilfe als einen gemeinsamen sozialen Raum, in dem sich bestimmte Routinen und Praktiken herausgebildet haben, die eine unentrinnbare Eigenlogik entfalten.

          Krause interessiert sich für die empirische Frage, wie diese Organisationen eigentlich arbeiten, wie insbesondere die Entscheidungen darüber getroffen werden, welchen hilfsbedürftigen Personen welche Hilfe zuteilwerden soll. Dafür hat sie Interviews mit Länderreferenten und Programmleitern humanitärer Hilfsorganisationen geführt, die eine Mittlerrolle zwischen der strategischen Planung in den Zentralen und der täglichen Leitung der Einsätze im Feld spielen. Diese Manager des Humanitarismus produzieren Projekte, sie haben ein professionelles Interesse daran, gute Projekte zu machen. Doch diese Ausrichtung an der Schaffung eines realen Mehrwerts entfaltet eine Eigendynamik und erzeugt eine Logik, die relativ unabhängig von Werten, Interessen und den Hilfsbedürftigen vor Ort ist. Sie bestimmt maßgeblich die Ressourcenverteilung und die Art von Aktivitäten, die unternommen werden, und damit auch, welche unterbleiben. Angesichts des indefiniten Übels humanitär defizitärer Notlagen – aus dem die Hilfsorganisationen gerade ihre Legitimation beziehen – konzentrieren sich die Akteure auf einen engbegrenzten Aspekt der Realität, auf den sie Einfluss nehmen zu können glauben. Es entspricht dieser profanen praktischen Logik von Hilfsoperationen, dass sie Empfänger bevorzugt, denen leichter zu helfen ist, als denen, die am bedürftigsten sind, denen zu helfen aber zugleich auch am schwierigsten wäre, so dass die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Erfolges sehr zweifelhaft erscheint. Dies begrenzt die Rationalität des ganzen Unternehmens. Auf dem Markt für humanitäre Hilfe tauschen NGOs mit institutionellen Geldgebern Hilfsprojekte gegen Geld. Der Wert dieses Tauschgeschäftes ist für die Hilfswerke teils ökonomischer teils symbolischer Natur; für die Geber besteht er in moralischer und politischer Autorität. Dementsprechend stellt sich auch die Konkurrenz, die hier herrscht, im Wesentlichen als ein Wettbewerb um eine spezielle Art von symbolischem Kapital, nämlich die humanitäre Autorität, dar.

          Die Hilfsempfänger selbst bilden als Nutznießer zwar ein notwendiges Element jedes erfolgreichen Projekts. Sie sind aber in erster Linie Teil des Produkts, das Hilfsorganisationen planen und über das sie ihren Geldgebern Rechenschaft ablegen müssen. Daraus folgt die praktische Notwendigkeit einer Projektplanungsmethode, die auf messbare Resultate für eine festgelegte Zielgruppe in einem festgesetzten Zeitrahmen gerichtet ist. Dem korrespondieren Mechanismen der Qualitätskontrolle, die auf Druck der Geber eingeführt wurden. Ein Projekt mit vorab festgelegten, binnen einer bestimmten Frist mit dem dafür aufgestellten Budget zu erzielenden, nachprüfbaren Ergebnissen bildet heute die Einheit der humanitären Hilfstätigkeit. Ihre Projektierung hat die einzelne Hilfstätigkeit effektiver und effizienter gemacht. Aber die implizite Annahme, dass sich die so verbesserten Einzelteile dann auch zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen, erweist sich im fragmentierten System der humanitären Hilfe als problematisch.

          Auch die eingeleiteten Reformen, die Einführung von Standards und Indikatoren guter humanitärer Arbeit und die Stärkung der Rechenschaftspflicht gegenüber den Hilfsempfängern, können aus der Logik des Feldes humanitärer Hilfsorganisationen nicht ausbrechen, sondern bringen diese abermals zur Geltung. Monika Krause bewertet ihren sozialwissenschaftlichen Befund nicht; sie macht den humanitären Hilfsorganisationen aus ihrer Praxis keinen moralischen Vorwurf. Sie zeigt nur auf, dass sie – ebenso wie andere Organisationen – der Logik ihres Feldes verhaftet sind und bleiben. Wenn diese Erkenntnis zur Selbsterkenntnis der betreffenden NGOs wird, steht vielleicht doch zu hoffen, dass diese dann anderen Organisationen (namentlich den Staaten, deren Praxis gleichfalls durch eine gewisse Funktionalität und die Logik ihres Operationsfeldes bestimmt ist) mit weniger moralischer Überheblichkeit begegnen. Sie könnten den Staaten gegenüber mehr Verständnis zeigen und sich zu einem – die jeweiligen fragmentarischen Eigenrationalitäten wechselseitig anerkennenden – arbeitsteiligen Zusammenwirken bereitfinden.

          Monika Krause: Das gute Projekt. Humanitäre Hilfsorganisationen und die Fragmentierung der Vernunft. Hamburger Edition, Hamburg 2017. 272 S., 32,– Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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