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Militärpolitik der DDR : Kreml-Spitzen ließen Vasallen schwitzen

  • -Aktualisiert am

Warnschild vor sowjetischen Minen ist am 20.02.2015 in der Gedenkstätte Point Alpha zu sehen. Bild: dpa

Oliver Bange gelingt der Nachweis, dass die im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses dislozierten amerikanischen Pershing II und Cruise Missiles von den Strategen des östlichen Militärbündnisses als „Teilaspekt eines umfassenden Innovationsschubes“ auf Seiten der Nato wahrgenommen wurden.

          Militärgeschichte ist eine Spezialdisziplin. Auf großes Interesse können ihre Forschungen hierzulande für gewöhnlich nicht zählen. Die Chancen auf eine breitere Wahrnehmung steigen, wenn das eigentliche Thema in einen größeren politischen Zusammenhang eingebunden ist. Oliver Bange versucht das mit einigem, wenn auch nicht mit durchgängigem Erfolg. Sein Buch verspricht nicht weniger, als das „geradezu gespenstisch schnelle Verschwinden“ der DDR zu erklären. Das gelingt, weil Bange den Hebel an der richtigen Stelle, nämlich bei der Nationalen Volksarmee (NVA) des SED-Staates ansetzt. Immerhin war diese Armee „nach außen wie nach innen eine alles entscheidende Bestandsgarantie“ für Partei und Staat. Deren „überraschend lautlosem“ Abtritt aus der Weltgeschichte muss also eine Schwächung besagter Garantie vorausgegangen sein.

          Das ist das Thema des Buches, das die „zunächst kaum wahrnehmbare, sich aber bald beschleunigende sicherheits- und militärpolitische Entfremdung zwischen Ost-Berlin und Moskau“ mit allem, was dazugehörte, nachzeichnet und analysiert. Weil die Ursprünge dieser Entfremdung in der „schleichenden Revidierung des Feindbildes“ durch den Kreml und deren Ursachen wiederum in der Entspannungspolitik zu suchen sind, setzt die Untersuchung mit dem Jahr 1969 ein, als in Moskau die „Ära der Westöffnung“ eingeläutet wurde. Die Implosion der DDR markiert den Schlusspunkt. Ein ergänzendes Kapitel über die „nachwirkende Dimension der DDR-Sicherheit“ bietet am bemerkenswerten Beispiel des zunächst von der Bundesluftwaffe übernommenen Jagdflugzeugs MiG-29 einen erhellenden Ausblick auf die „Erblasten des Ost-West-Konflikts“. Die Untersuchung ruht auf der Auswertung einer enormen Fülle publizierter, vor allem aber nicht veröffentlichter Quellen. Bange hat rund ein Dutzend Archive in aller Herren Länder, darunter auch Russland und die Vereinigten Staaten, besucht, war im Nato-Archiv in Brüssel und hat mit etwa 70 Zeitzeugen gesprochen oder korrespondiert.

          Das war geboten, weil der Autor der „persönlichen Dimension der Sicherheit“ einen hohen Stellenwert zuweist. Exemplarisch dokumentiert wird das am Verhältnis Erich Honeckers, des Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED, auf der einen und der bundesdeutschen Kanzler Helmut Schmidt beziehungsweise Helmut Kohl auf der anderen Seite. Für Honecker, den starken Mann in Partei und Staat, war diese zwischenmenschliche „Verantwortungsgemeinschaft“ nicht ohne Risiko, weil die persönliche Annäherung vor allem an Schmidt und die Intensivierung der Wirtschafts- und Wissenschaftsbeziehungen von den eigenen Verbündeten mit zunehmender Skepsis verfolgt wurde. Immerhin stand Helmut Schmidt auch für jenen Nato-Doppelbeschluss, mit dem die westliche Allianz auf die Hochrüstung der Sowjetunion im Bereich der landgestützten nuklearen Mittelstreckenraketen in Europa reagierte. Einen entsprechend prominenten Platz nimmt das Thema auch bei Bange ein. Was er zur Nachrüstung der Nato in diesem Bereich und zu ihrer Wahrnehmung im Warschauer Pakt herausgefunden hat, konnte man so noch nicht lesen. Und das will bei einem derart gut bestellten Feld etwas heißen.

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