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Massengewalt im „Dritten Reich“ : In der Exekutionsgemeinschaft

  • -Aktualisiert am

Gedenktafel in Auschwitz (2017) Bild: Imago

In Christian Gerlachs außerordentlicher Studie ist keineswegs allein von der Ermordung der Juden Europas, sondern in umfassender Weise von dem entfesselten deutschen Vernichtungswillen in allen seinen Ausformungen die Rede, der den alten Kontinent vor bald acht Jahrzehnten heimsuchte.

          Leider riskieren Verfasser und Verlag es, den Leserkreis dieses außerordentlichen Buches durch einen zu eng gefassten Titel selbst einzuschränken. Denn in Christian Gerlachs Studie ist keineswegs allein von der Ermordung der Juden Europas, sondern in umfassender Weise von dem entfesselten deutschen Vernichtungswillen in allen seinen Ausformungen die Rede, der den alten Kontinent vor bald acht Jahrzehnten heimsuchte. Parteifunktionäre, Ärzte, Soldaten, Beamte und die sprichwörtlichen „ganz normalen Männer“ (und Frauen) wurden plötzlich zu Richtern über das Lebensrecht ihrer Mitmenschen. Auch wenn Gerlach es nicht so formuliert: Hier war eine breitgefächerte Exekutionsgemeinschaft am Werke – mitnichten nur eine eindeutig absonderbare Spezies von „Tätern“. Bis auf ganz wenige machten alle mit und die Gewalt sich zu eigen. Darauf konnte sich das NS-Regime bei seinem imperialistischen Ausgreifen verlassen.

          Hanns Martin Schleyer, der später von der RAF ermordete Arbeitgeberpräsident und Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, beschrieb diese Mentalität treffend, wenn er als Besatzungsoffizier in Prag 1942 von der „uns in den Jahren der Kampfzeit anerzogenen Bereitschaft“ sprach, „Aufgaben zu suchen und nicht auf sie zu warten“. Nicht nur alle, die sich dieser gut funktionierenden Exekutivgemeinschaft in den Weg stellten, sondern auch Millionen, die gar nicht daran dachten, sich ihren Mördern zu widersetzen, wurden erschossen, dem Hungertod preisgegeben oder in die Gaskammern getrieben, weil sie unwillkommener Nationalität, Abkunft, Überzeugung, geistiger Leistungsfähigkeit oder körperlicher Gestalt waren.

          Gerlachs Thema ist die Massengewalt extrem gewalttätig gewordener Gesellschaften, der deutschen, aber auch der Gesellschaften in den von der Wehrmacht besetzten oder mit dem „Dritten Reich“ verbündeten Ländern. Zwölf bis vierzehn Millionen nicht an den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs beteiligte Bürger wurden damals getötet, darunter ungefähr sechs Millionen Juden, etwa drei Millionen nichtjüdische Polen und drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene (um nur die größten Gruppen zu nennen). Über 95 Prozent der ermordeten Juden und Nichtjuden besaßen nicht die deutsche Staatsangehörigkeit.

          Die unerhörte Sachkenntnis, die methodische Innovationskraft und die präzise Sprache des vielfach ausgewiesenen Wissenschaftlers öffnen die Tür zu einem neuen und sehr viel besseren Verständnis dafür, wie es in der ersten Hälfte der vierziger Jahre zu dieser weltgeschichtlichen Vernichtungsorgie kommen konnte. Gerlach gelingt das, weil er eindringlich vor Augen zu führen versteht, wie eng die einzelnen Stränge und Aktionen der von den Nationalsozialisten in Gang gesetzten Gewalt miteinander verknüpft waren, wie stark sich die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen innerhalb und außerhalb des Deutschen Reiches daran beteiligten, wie breit das Spektrum ihrer Beweggründe und ihres praktischen Interesses am Töten gewesen ist und wie stark es in den untersuchten 18 europäischen Ländern von all diesen unterschiedlichen Faktoren abhing, wer jeweils der Ausmerze verfiel und wer mit dem Leben davonkam.

          Die Bandbreite der Betrachtung ist enorm. Immer unter dem Hauptgesichtspunkt einer Sozialgeschichtsschreibung der Massengewalt führt uns der Autor genauso in die Judengesetzgebung etwa Norwegens, Italiens, Ungarn, Bulgariens, Kroatiens und der Slowakei ein, wie er uns an anderer Stelle die völlig unterschiedliche Ausprägung deutscher Besatzungs- oder Bündnispolitik zwischen Nordkap und Sizilien, zwischen Atlantik und Schwarzem Meer auseinanderlegt. Einblicke in Regierungsentscheidungen in Vichy oder Bukarest wechseln mit schlagenden Beispielen und Einblicken in das Denken einzelner Akteure ab.

          Weniger „staatszentriert“ und weniger ideologieorientiert als andere Untersuchungen belegt Gerlach in seiner multinational angelegten Analyse überzeugend, dass Massengewalt weniger als Geschichte von Apparaten als vielmehr als „Geschichte sozialer Akteure“ verstanden werden muss. Das nicht narrativ, sondern analytisch, nicht chronologisch, sondern sachlogisch angelegte und alle betroffenen Nationen in den Blick nehmende Werk behandelt in drei großen Teilen zunächst die „Verfolgung durch Deutsche“, sodann die „Logiken der Verfolgung“ und schließlich „Die europäische Dimension“ dieser Mord-Epoche. Christian Gerlach gelangt dabei zu einer Fülle überraschender Einsichten, zum Beispiel der, dass es gerade die unüberbrückbaren Ungereimtheiten der nationalsozialistischen „Rassenlehre“ (über die selbst im engsten Führungszirkel des „Dritten Reichs“ keine Einigkeit bestand) gewesen sind, die der verbrecherischen Exekutivgemeinschaft ihren breiten Handlungsspielraum gaben: „Was das gewaltsame Handeln beeinflusste, war ein kruder Populärrassismus“, ein in den deutschen Alltagsnationalismus und Alltagsrassismus eingebettetes volkstümliches Ressentiment.

          Der Autor bagatellisiert die Kraft ideologischer Überzeugungen und eingefleischter Vorurteile nicht, er weist jedoch mit Nachdruck darauf hin, dass die enorme Varietät der Gewalt, ihre ganz uneinheitliche Umsetzung und deren abrupte Kurswechsel zumeist auf handfeste materielle, gesellschaftliche und politische Interessen zurückzuführen sind; Interessen verändern sich eben leichter und schneller als Einstellungen. Auf solche nationale, ja lokale Interessen war es wesentlich mit zurückzuführen, dass es so viel nichtdeutsche Unterstützung für das Morden in Europa gab. Im Zentrum der Untersuchung steht zwar der Mord an den europäischen Juden, sie macht aber zugleich deutlich, dass dieses Hauptprojekt nicht durchweg und nicht überall im Mittelpunkt der Massengewalt stand und dass sich der aus rassistisch-biologistischen Grundannahmen speisende Vernichtungsfuror keineswegs auf die „Judenfrage“ beschränkte. In besetzten und befreundeten Ländern hatte der Judenmord keinen Vorrang vor allem anderen.

          Geschichte wiederholt sich nicht. Das mag für ihren Verlauf gelten – auch für ihre Substanz? Stärker als es wohl noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen wäre, macht es den Leser jedenfalls nachdenklich, wenn ihm wie in diesem großartigen Buch minutiös vor Augen gestellt wird, was geschieht, wenn sich ein ungehemmter Nationalismus breitmacht, wenn sich gesellschaftliche Solidarität lockert, wenn sich soziale Bindungen auflösen und diese durch Feindseligkeit ersetzt werden.

          Christian Gerlach: Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen. C. H. Beck Verlag, München 2017. 576 S., 34,95 €.

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