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Martin Cüppers: Walther Rauff - in deutschen Diensten : Einsatz im Gegenwartskampf

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Essen für Pullach: Walther Rauff mit Nena Zulibar im März 1976 Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Der SS-Führer und Massenmörder Walther Rauff war in der Gehlen-Ära als Spion des Bundesnachrichtendienstes in Chile tätig.

          Im Sommer 1942 begab sich der 36 Jahre alte SS-Offizier Walther Rauff auf Dienstreise nach Nordafrika, um letzte Vorbereitungen für die Ausweitung der Judenvernichtung auf Ägypten und Palästina zu treffen; ein Quartier in Kairo war auf dem Stadtplan schon markiert. Nach Rommels Niederlage bei El Alamein musste er sich jedoch ein anderes Betätigungsfeld suchen. Als Chef der Sicherheitspolizei und des SD in Tunesien wandte sich Rauff nun der Terrorisierung der Juden in den großen Städten und auf Djerba zu: „Ich habe schon Juden in Polen und Russland umgebracht“, schrie er - die Pistole gezogen - Repräsentanten der jüdischen Gemeinde nieder. Einer der Gedemütigten hielt in seinem Tagebuch fest: „Ein Monster.“ Doch mit der Kapitulation des Deutschen Afrika-Korps im Mai 1943 zerschlug sich auch die vorbereitete Deportation Zehntausender tunesischer Juden.

          Die Stippvisite nach Afrika war nur eine Episode im Leben eines der Hauptverbrecher des Holocaust, das 1906 im anhaltinischen Köthen begann und 1984 in Santiago de Chile endete. Eine dichte Überlieferung von persönlichen Briefen, Tonbandaufzeichnungen und Akten versetzt Martin Cüppers in die Lage, Rauffs Lebensweg genau nachzuzeichnen. Er zeigt vor allem eines: wie reibungslos wohlanständige Bürgerlichkeit in schrankenlose Bösartigkeit umschlägt, sobald sich - ganz im Sinne der Beobachtung Hannah Arendts - in Staat und Gesellschaft eine Umwertung der zivilisatorischen Werte vollzieht.

          Rauff gehörte zu der (in der Täter-Forschung vielstrapazierten) „Kriegsjugendgeneration“, zeigte aber gerade keine Anzeichen ideologischer Unbedingtheit. Deutschnational-autoritär erzogen, durchlief er vielmehr eine Karriere als Marine-Offizier, die er allerdings 1937 wegen Frauengeschichten beenden musste. Ein glücklicher Zufall eröffnete ihm unverhofft die Verwendung im Reichssicherheitshauptamt Reinhard Heydrichs, der - weil er den gleichen Karriereknick hinter sich hatte - rasch ein Faible für den einfach gestrickten, aber zupackenden Neuen entwickelte. Bald fand sich der SS-Obersturmbannführer als Gruppenleiter II D und damit als Hauptverantwortlicher für technische Fragen wieder; ein Aufstieg, wie ihn nur ein Klientelstaat gewähren kann. Rauffs Dank für den Sprung ins Establishment des Terrorapparates zeigte sich in rastloser Eigeninitiative und strikter Befehlstreue.

          Außerordentlich dicht beschreibt sein Biograph, wie Rauff seit Spätsommer 1941 die Entwicklung von mobilen Gaswagen vorantrieb, „eine richtungsweisende neue Eskalationsstufe der Judenpolitik“. Etwa eine halbe Million Menschen sind darin mit Auspuffgasen erstickt worden. Der vollkommen bedenkenlose Technik-Tüftler Rauff war zu einem zentralen Organisator des Holocaust geworden. Nach dem Tod seines Mentors Heydrich entschied sich Rauff für den Auslandseinsatz. Nach seiner afrikanischen Exkursion übernahm er von Herbst 1943 bis Kriegsende vom berüchtigten „Hotel Regina“ in Mailand aus die „Sicherung“ der nordwestitalienischen Industrieregion: „Judenjagden“, Geiselerschießungen und Massaker unter der Zivilbevölkerung, bei denen er sich häufig persönlich hervortat. Sieht man im Nationalsozialismus mit Hermann Graml den zur Macht gekommenen Stammtisch, so war Rauff gewiss ein höchst brauchbarer Kumpan in der Gemeinschaft machtgeschützten Volksempfindens, im Einklang mit der Staatsdoktrin von der Ungleichwertigkeit der Menschen lebenslang bereit, Pluralität für Unordnung, Autoritätshörigkeit für Treue und Menschlichkeit für Schwäche zu halten. Daran änderte sich nach 1945 nichts. Ein Vernehmungsoffizier strich Rauffs zynische Borniertheit heraus und empfahl lebenslange Haft, „sollte es nicht zu einer eigentlich wünschenswerten Hinrichtung kommen“.

          Sorgfältig rekonstruiert Cüppers im zweiten Teil, wie es dem Internierten mit Hilfe katholischer Geistlicher glückte, zu entkommen und sodann selbst die Ausschleusung von Seinesgleichen zu organisieren. Nach einem Intermezzo in Syrien versuchte er sich seit 1949 in Südamerika mit wechselndem Erfolg eine neue Existenz aufzubauen. Ein völlig sorgenfreies zweites Leben war das nicht. Denn mit wachsender Prominenz als überlebender NS-Täter, dessen Auslieferung in den achtziger Jahren sogar der amerikanische Präsident verlangte, wuchs der Verfolgungsdruck und die Befürchtung, vielleicht ebenso wie Adolf Eichmann entführt zu werden oder gar einem Attentat zum Opfer zu fallen. Rauff musste sich nie vor Gericht verantworten, weil Chile ihn nicht auslieferte. Allende und Pinochet, die er persönlich kannte, wollten es beide lieber vermeiden, mit einer Entscheidung gegen den Gesuchten, der seit langem enge Beziehungen zur Militärführung pflegte, die geschätzte deutsche Gemeinde im Lande zu irritieren.

          Allein dem Bundesnachrichtendienst wäre es vorbehalten gewesen, den Opfern des Massenmörders Rauff späte Genugtuung zu verschaffen. Dazu hätte der BND nur die Strafverfolgungsbehörden zu unterrichten brauchen - spätestens, als er seinen mit großen Hoffnungen auf ein nachrichtendienstliches Netz in Südamerika eingestellten Mitarbeiter 1962 zum zweiten Mal in die Bundesrepublik beorderte. Der Dienst handelte natürlich nicht gegen sein eigenes Interesse. Doch auch die Zeiten waren nicht danach. Die Strafverfolgung von NS-Verbrechern war erst kürzlich wieder in Gang gekommen, und in Pullach stand die Zeit in ganz besonderer Weise still. Noch viel weniger als für die deutsche Gesellschaft waren 1945 und das erste Nachkriegsjahrzehnt in dem militärisch geprägten, geheim- und männerbündlerischen Milieu des Nachrichtendienstes eine Zeit selbstprüfenden Innehaltens: Großzügigkeit gegenüber der Vergangenheit, Geschlossenheit im Gegenwartskampf, lautete die Devise - „Kriegsverbrechen“ passieren immer mal.

          Martin Cüppers: Walther Rauff - in deutschen Diensten. Vom Naziverbrecher zum BND-Spion. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013. 464 S., 49,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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