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Marcel Pott: Der Kampf um die arabische Seele Der Vorhang ist auf, das Ende offen

Nahost-Korrespondent Marcel Pott erkundet den langen Weg von der Selbsterforschung der arabischen Völker zu einer „islamischen Demokratie“.

© AP Vergrößern al-Azhar Moschee in Kairo

Marcel Pott ist ein alter Fahrensmann unter den deutschen Nahost-Korrespondenten. Deshalb hat er sich etwas mehr Zeit gelassen für sein Buch über den „arabischen Frühling“ als manche, deren Schnellschüsse schon längst Opfer der sich überstürzenden Ereignisse geworden sind - etwa in Syrien. Viele Jahre hat Pott aus Beirut und Amman berichtet, sein Libanon-Buch aus dieser Zeit ist eines der besten über den Bürgerkrieg in diesem kleinen, faszinierenden, doch oft auch so unglücklichen Land.

In seinem jüngsten Buch gilt Potts Neugier der neuerlichen Suche der Araber nach ihrer Identität oder - wie es der Titel viel tiefer und treffender ausdrückt - dem Kampf um ihre Seele. Folgerichtig beginnt der Autor mit Ägypten, obwohl der „arabische Frühling“ im Dezember 2010 in Tunesien begann. Doch in Ägypten, da ist dem Verfasser durchaus zuzustimmen, wird sich zu großen Teilen entscheiden, wohin die Reise der arabischen Völker in der Zukunft geht. Mehr als die Hälfte seines Werks widmet Pott denn auch dem Land am Nil, in dem mit 85 Millionen Menschen allein ein Drittel aller Araber lebt. Und mit der al-Azhar-Moschee und Universität beherbergt das Land die für die Mehrzahl der Muslime autoritative Institution des Islams. Darüber hinaus ist Ägypten das Ursprungsland der Muslimbruderschaft, deren islamistischer Einfluss weithin ausstrahlt in andere Länder, obzwar es eine islamistische Internationale nicht gibt.

Pott lässt - besonders im Ägypten-Teil - die Beteiligten häufig selbst zu Wort kommen: Säkulare und Religiöse, Anhänger der Muslimbruderschaft, Aktivisten der ersten Stunde, als die Protestbewegung den mittlerweile legendär gewordenen Tahrir-Platz zum Zentrum der Revolution machte, Angehörige des gehobenen Bürgertums, Unternehmer, Journalisten und auch ärmere Leute, die besonders stark den Islamisten zuneigen. Diese waren die Einzigen, die sich bisher um sie kümmerten, während der Staat versagte. Überrascht wurden viele bei den Wahlen durch das gute Ergebnis der Salafisten. Keine Frage: Ägypten ist ein Land der Frommen; dies hatte der Westen niemals verstanden. Und auch die säkularen Ägypter sehen sich als gute Muslime, sind weit entfernt davon, ihre Religion auf dem Altar des Fortschritts zu opfern. Das wird auch die künftige neue Ordnung - wie immer sie aussehen mag - zu berücksichtigen haben. Viele Ägypter glauben (oder befürchten), dass das Militär mit seinem „tiefen Staat“ noch lange seinen Einfluss zu wahren versuchen wird. Momentan herrscht große Unsicherheit, die Minderheit der säkular Eingestellten, bei den Wahlen unter „ferner liefen“ gelandet, hofft darauf, dass die Muslimbrüder bei ausbleibenden Erfolgen künftig entsprechend abgestraft werden. Eine Diversifizierung unter den Islamisten ist nach Pott zu beobachten. Eindrücklich schildert er die Ernüchterung, die eingekehrt ist, auch die Lektüre des Programms der Muslimbrüder stimmt ihn eher skeptisch gegenüber dem „demokratischen Islamismus“, wenigstens in Ägypten.

In Tunesien findet ein ähnlicher Kulturkampf zwischen Islamisten und Säkularen statt, freilich in überschaubareren und geordneteren Formen als am Nil. Die Aussichten für die Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft stehen dort, wie Pott ausführt, günstiger, nicht zuletzt, weil die regierende islamistische Ennahda-Partei Raschid al Ghanouchis „weiter“ sei als die ägyptischen Islamisten. Die Elite ist geprägt vom französischen Säkularismus. Freilich trauen auch in Tunesien viele weltlich denkende Bürger den Islamisten nicht über den Weg. Vor allem viele Frauen - Tunesien hatte vor der Revolution schon das fortschrittlichste Frauenrecht - sind da vorsichtig. Es wird sich zeigen, ob der Islam in der Lage ist, als bloß religiös-kulturelles Gerüst von Werten eine künftige Gesellschaft zu formen oder ob er in alter Scharia-Starre verharrt, wie das die tunesischen Salafisten immer selbstbewusster anstreben. Der moderate Islamismus indessen steht heute zwischen Säkularen und Salafisten, nicht nur in Tunesien.

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Veröffentlicht: 02.10.2012, 11:50 Uhr

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