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Ibrahim Böhme : Der Zuträger als Hoffnungsträger

  • -Aktualisiert am

Bild: Abb. a. d. bespr. Bd.

Im Staatssozialismus war für den ehrgeizigen Ibrahim Böhme die SED karrierebestimmend. Sie hielt den psychisch labilen Genossen am Gängelband.

          Manfred Böhme, der sich selbst „Ibrahim“ nannte, ist eine inzwischen historische Verräter-Figur. Der Mann, der 1990 bei den letzten und einzig freien Wahlen zur Volkskammer als Spitzenkandidat der wiedergegründeten Sozialdemokraten antrat und kurz nach der Wahl verdächtigt wurde, Zuträger der Staatssicherheit gewesen zu sein, lebte von Jugend an verstrickt in eigene Legenden. Er hat sich nie aus dem selbstgeknüpften Netz von Dichtung und Wahrheit befreit - auch nicht, nachdem prominente Oppositionelle dann Böhme in ihren Akten zweifelsfrei als Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi identifiziert hatten. Bis zu seinem Tod im Jahr 1999, kurz nach seinem 55. Geburtstag, hat Böhme sich nicht zu seinen Spitzeldiensten bekannt - geschweige denn die Aussprache mit den Verratenen gesucht.

          Die Journalistin Christiane Baumann hat den Lebenslauf Böhmes bereits vor sechs Jahren nachgezeichnet und nun eine um zusätzliche Aktenfunde und weitere Aussagen von Zeitzeugen ergänzte, „präzisierte“ Neuauflage vorgelegt. Sie bescheinigt Böhme einen „spielerischen Umgang mit einer auch ins Täuschende und Kriminelle schlagenden Intelligenz“. Tatsächlich mystifizierte und schönte er die eigene Vita, wie es ihm gerade opportun erschien. Detailreich, aber keineswegs schwatzhaft rekonstruiert die Autorin nun seine ungewöhnliche Geschichte, berichtet über Brüche und Ambivalenzen: SED-Mitgliedschaft und Stasi-Haft, Krisen und Camouflage, empathische Begegnungen und rücksichtsloses Doppelspiel überlagern sich.

          Baumann schreibt kundig über die Spuren des Ministeriums für Staatssicherheit in Böhmes verschlungenem Leben. Sie skandalisiert nicht und lässt offenkundig manches lieber unerzählt, als sich in Schlussfolgerungen zu weit vorzuwagen. Die Persönlichkeit Böhmes, die mit dem Attribut „schillernd“ zu blass beschrieben wäre, war im Übermaß auf Anerkennung fixiert. Dass es der „politische Heiratsschwindler“ mit der Wahrheit nicht immer genau nahm, machte weder seine Freunde noch die SED, weder die arg getäuschte Bürgerrechts- und Friedensbewegung noch ost- und westdeutsche Sozialdemokraten oder westliche Medien misstrauisch. Ulrike Poppe, damals Protagonistin der Opposition und heute Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg, urteilt, die „Hauptidentität“ des wendigen Manfred „Ibrahim“ Böhme sei die des Spitzels.

          Im Staatssozialismus war für den ehrgeizigen Böhme die SED karrierebestimmend. Sie hielt den psychisch labilen Genossen am Gängelband. Damit spielen zu können, glaubte Böhme schon als junger Erwachsener; er ließ sich verstoßen und doch in Gnaden wieder aufnehmen. Die Staatssicherheit hatte ihn indes fest in der Hand. Unter diversen Decknamen lieferte der IM seit seinem 25. Lebensjahr Berichte, teils gegen Bezahlung. Obgleich er bisweilen - etwa in der Parteinahme für den Dissidenten Robert Havemann - auffällig wurde, verzieh ihm die SED immer wieder, wie Baumann beschreibt: „Sie brauchte in ihren eigenen Reihen - trotz anderslautender Parolen - nicht unbedingt nur die Besten und Integren, ganz sicher aber die Willigen.“

          Böhme war ein solcher Williger, der sich vom Waisen- und Pflegekind Manfred zum friedlichen Revolutionär Ibrahim Böhme mauserte. In Greiz, wo er sich als junger Erwachsener vom Hilfsbibliothekar zum Sekretär des Kulturbundes emporschmeichelte, gelang es ihm, sein Auftrittstalent zu perfektionieren und sein Publikum zu blenden. Das MfS erhielt in dieser Zeit von Böhme ausgeschmückte Berichte über die örtliche Kulturszene, kirchliche Gruppen und vor allem über den später in die Bundesrepublik ausgereisten Schriftsteller Reiner Kunze. Dieser hat 1990 als einer der Ersten überhaupt Einsicht in die über ihn angelegten Stasi-Akten genommen, Böhme erkannt und als Zuträger öffentlich benannt. Als Kunzes dokumentarischer Band „Deckname ,Lyrik‘“ damals erschien, habe ein Teil des Thüringer Freundeskreises ihm, dem Bespitzelten, die Veröffentlichung verübelt - der Spitzel schien vielen über Zweifel erhaben, schreibt Baumann.

          Manfred Böhmes raffiniertes Geschick, Vertrauen zu erwerben, hat das MfS weidlich ausgenutzt. Als er 1985 nach diversen Stationen schließlich nach Ost-Berlin zog, geschah dies unter Mitwirkung des Inlandsgeheimdienstes. Böhme hatte sich in die Zirkel von namhaften Oppositionellen wie Pastor Markus Meckel oder Ulrike und Gerd Poppe aus der Initiative Frieden und Menschenrechte hineinmanövriert und teilte der Stasi erschlichenes Wissen über den Untergrund getreulich mit. Anders als mancher Bürgerrechtler verspürte er einen Drang zur großen politischen Bühne, die sich 1989 überraschend bot. Gern pflegte Böhme, der zum Frontmann der jungen Ost-SPD avanciert war, im Namen „der Opposition“ insgesamt zu sprechen. Und sowohl die junge SPD in der DDR wie auch führende Sozialdemokraten aus der Bundesrepublik waren arglos genug, um der gekonnten Selbstinszenierung zu glauben. Dem Scharlatan wurde der Weg an den runden Tisch und in die Parteispitze geebnet. Und selbst als längst IM-Vorwürfe kursierten und Böhme bereits zugunsten von Richard Schröder auf den Fraktionsvorsitz in der Volkskammer verzichtet hatte, ließ er sich noch zum Polizeibeauftragten des Ost-Berliner Magistrats küren. Die neue Polit-Avantgarde war seine Welt, er überspielte mit Bravour das Risiko, enttarnt zu werden - und leugnete bis zum Ende.

          Kokett versichert die Autorin im Vorwort, die oft an sie gerichtete Frage, wie Böhme „getickt“ habe, könne sie nicht beantworten. Am Ende des Bandes hat der Leser allerdings sehr wohl eine Vorstellung davon, wie Böhme in seiner selbstverfassten Rolle zu Hochform auflief - getragen vom Applaus für die Verkörperung des Paradiesvogels in der an Nonkonformisten armen DDR. Und wie er demaskiert und geächtet zugrunde ging.

          Christiane Baumann: Manfred „Ibrahim“ Böhme. Das Prinzip Verrat. Lukas Verlag, Berlin 2015. 191 S., 19,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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