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Lenin und die Revolution : Erlenwälder zwischen Zürich und Sassnitz

  • -Aktualisiert am

Zugabteil des angeblichen „Lenin-Waggons“ Bild: Ullstein

Catherine Merridale schildert die berühmte Reise in die Revolution vom April 1917 so detailliert, als wenn sie selbst im Zugabteil mit dem freudlosen und humorlosen Fanatiker Lenin gesessen hätte.

          Lenin war ein einsamer Mann im Jahr 1916. Er zweifelte, glaubte nicht mehr daran, die Revolution noch zu erleben, der er sein Leben gewidmet hatte. Sein Einfluss auf die revolutionäre Bewegung war gering, nicht einmal in der bolschewistischen Partei konnte er sich mit seinen radikalen Ansichten über den Krieg und die Revolution noch Anerkennung verschaffen. Die Jahre in der Schweizer Emigration hatten Spuren hinterlassen: Lenin hatte sich selbst isoliert und war zu einem weltfremden Sektierer geworden. Kaum jemand hätte für möglich gehalten, dass ausgerechnet er Russland sieben Monate später aus den Angeln heben würde.

          Als Lenin im Februar 1917 von den Unruhen in Petrograd erfuhr, gewann er seine Lebensfreude sofort zurück. Um jeden Preis wollte er nach Russland zurückkehren, um die Revolution, wie er sie sich vorstellte, zu vollenden. Lenin war ein Mann der Tat, der letzten Entscheidung. Auf die Geschichte konnte und wollte er nicht warten. Russland war für ihn das schwächste Glied in der Kette der imperialistischen Staaten. Man müsse die Autokratie sturmreif schießen, hämmerte er seiner Gefolgschaft ein, dann werde sie wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Worauf soll der Revolutionär denn warten, wenn er doch schon zu Lebzeiten haben kann, was er sich wünscht?

          Aber Lenin saß in Zürich fest. Was konnte er tun? Er nahm Kontakt zur deutschen Reichsregierung auf, die ein Interesse daran hatte, den Unruhestifter nach Russland zu bringen. Man versprach ihm, ihn und seine Genossen in einem Zug von Zürich nach Sassnitz auf Rügen fahren zu lassen. Dort sollte Lenin mit dem Schiff nach Schweden übersetzen und über Finnland nach Russland zurückkehren. Catherine Merridale hat über diese Reise und ihre Umstände ein Buch geschrieben, das uns zwar nichts Neues über die Reise, aber manches über Lenins kompromisslosen Charakter erzählt.

          Unter gar keinen Umständen wollte Lenin in Russland als Vaterlandsverräter und Knecht des deutschen Imperialismus diskreditiert werden. Deshalb bestand er darauf, dass der Waggon, in dem er und seine Gefolgschaft durch Deutschland fuhren, extraterritoriales Gebiet sein sollte, das die deutschen Wachsoldaten nicht betreten durften. Im Waggon errichtete Lenin ein striktes Regime. Er entschied, wann die Genossen zu ruhen hatten, und untersagte ihnen das Rauchen. Für die Benutzung der Toilette teilte er Passierscheine aus, um die nikotinsüchtigen Genossen, die den Gang versperrten, zu disziplinieren. Wenn er Russland schon nicht unterwerfen konnte, wollte er wenigstens die Genossen im Waggon zur Räson bringen.

          Unentwegt redete er von der Revolution, für nichts anderes schien er sich zu interessieren. Wahrscheinlich nahm er gar nicht wahr, was jenseits der Waggonfenster zu sehen war. Als Lenin am Finnischen Bahnhof in Petrograd ankam, wurde er von bolschewistischen Genossen, Vertretern des Arbeiter- und Soldatenrates und bewaffneten Matrosen begrüßt. Die Blumen, die man ihm zur Begrüßung überreichte, wies er brüsk zurück. Wie könne man angesichts der Revolution nur an Blumen denken? Stattdessen rief er unmittelbar nach seiner Ankunft dazu auf, die Regierung zu stürzen, die Polizei, die Armee und den Staatsapparat zu zerschlagen und die Macht in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrates zu legen. Niemand außer ihm selbst glaubte an die Realisierung solche Forderungen, im Arbeiter- und Soldatenrat lachte man ihn aus.

          Merridale beschreibt Lenin als einen freudlosen, humorlosen Fanatiker, dessen Leben vom Gedanken an die Revolution ausgefüllt war. Wie konnte es geschehen, dass jemand, der außer sich geraten war und den im April 1917 selbst die eigenen Genossen für einen Irren hielten, am Ende dennoch erfolgreich sein konnte? Merridale gibt darauf Antworten, die auch andere Historiker schon gegeben haben: die Lebensbedingungen hätten sich verschlechtert, Liberale und gemäßigte Sozialisten hätten gezaudert, Reformen verschleppt und seien unfähig gewesen, Entscheidungen zu treffen. Lenin sei von ihnen unterschätzt worden, noch im Juli 1917, nachdem sie einen Aufstand der Bolschewiki niedergeworfen hatten, hätten sie geglaubt, dass Lenin für immer erledigt sei. Lenin aber war ein Machiavellist und Machtmensch, der wusste, dass er nichts weiter tun musste, als die Wut der frustrierten Masse auf den Begriff zu bringen. Nur er allein war bereit, sofort zu tun, was getan werden musste.

          In der Isolation hören Revolutionäre nicht mehr auf die Stimme der Vernunft, weil sie glauben, dass die vorgestellte auch die wirkliche Welt ist. Sie entfernen sich vom Leben, aber daraus gewinnen sie ihre eigentliche Kraft, Skrupel und Zweifel zu überwinden und alles auf eine Karte zu setzen. Im Sommer 1917 gelang es Lenin, seine Anhänger auf den bewaffneten Umsturz einzuschwören. Er spielte va banque, und er gewann. Die deutsche Reichsregierung konnte zufrieden sein. Lenin entpuppte sich als Zerstörer, der keinen Stein auf dem anderen ließ und Russland am Ende auch aus dem Krieg führte. So gesehen war Lenins Reise in die Revolution auch ein strategischer Erfolg der deutschen Regierung. Merridale teilt über die Revolution nichts mit, was nicht schon bekannt wäre. Sie erzählt, erklärt aber wenig. Wenigstens erzählt sie ihre Geschichte auf eine Weise, dass die Leser sich gut unterhalten. Aber muss eine Historikerin ihren Lesern unentwegt das Gefühl vermitteln, sie selbst sei in Lenins Zug gewesen? Lenin habe am Fenster gestanden, mit den Daumen in den Westentaschen. „Jenseits seines Spiegelbildes konnte er sehen, dass die Erlenwälder grün wurden.“ Ich stelle mir vor, wie Lenin Merridale angeschaut und zu ihr gesagt hat: „Warum sind Sie eigentlich in diesem Waggon? Wer hat Sie hineingelassen? Sie sind Historikerin? Und sie schreiben über die Revolution? Nun gut, aber lassen Sie die Erlenwälder weg, ich verabscheue sie.“

          Catherine Merridale: Lenins Zug. Die Reise in die Revolution. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 383 S., 25,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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