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Lenin und die Revolution : Maßlose Gewalt gegen jedermann

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Lenin und seine Frau, die kinderlos waren, mit unbekannten Kindern 1922 Bild: Abb.a.d.bespr.Band

Lenin war ein Pedant und Freund geordneter Verhältnisse, ein Mann von bürgerlichem Geschmack, aber er war auch ein Fanatiker, dessen Streitsucht seinesgleichen suchte. Es gab keinen Revolutionär, den er mit seinen Tiraden nicht vor den Kopf stieß, keine Theorie, die er nicht sofort aufgab, wenn sie keinen Erfolg versprach.

          Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich Lenin nannte, war ein großer Zerstörer, ein Mann der Tat, der nicht warten wollte, bis die Geschichte ihr letztes Wort gesprochen hatte. Lenin sah sich nicht als Vollstrecker, sondern als Motor der Geschichte, er war ein Mann des unbedingten Willens, mit Rücksichtslosigkeit aus der Welt zu schaffen, was nicht in sie hinein zugehören schien. Richtig erschien ihm deshalb einzig und allein, was er als Wahrheit erkannt hatte. Für den Kompromiss war Lenin nicht gemacht.

          Über den Politiker und Tatmenschen gäbe es tatsächlich noch manches zu erzählen, was den Biographen der Vergangenheit verborgen geblieben ist. Victor Sebestyen aber will vor seinen Lesern nur noch einmal ausbreiten, was andere schon erzählt haben. Lenins beschauliche Kindheit, der Weg des jungen Studenten der Rechte in den revolutionären Untergrund, die ersten Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht, Verbannung und Exil – all das wird im plauderhaften Ton vorgetragen, ohne dass dem Leser erklärt wird, wozu er all das wissen muss. Lenin war ein Pedant und Freund geordneter Verhältnisse, ein Mann von bürgerlichem Geschmack, aber er war auch ein Fanatiker, dessen Streitsucht seinesgleichen suchte. Es gab keinen Revolutionär, den er mit seinen Tiraden nicht vor den Kopf stieß, keine Theorie, die er nicht sofort aufgab, wenn sie keinen Erfolg versprach.

          Lenin konnte sich von Anschauungen, an denen andere aus Prinzip festhielten, sofort trennen, sobald er erkannt hatte, dass sie ihm im Weg standen. Lenin verachtete Arbeiter und Bauern, Trunksucht und den russischen Schlendrian, und er glaubte, dass nur eine autoritäre Diktatur den Untertanen geben könne, wonach sie eigentlich verlangten: nach Disziplin und Führung. Und es verstand sich für ihn von selbst, dass niemand außer ihm selbst dazu berufen sei, zu befehlen und zu führen. Wer sich ihm widersetzte, musste wüste Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Am Ende wundert man sich, dass es überhaupt noch Revolutionäre gab, mit denen er sich nicht überworfen hatte. Wer hätte Lenin schon gern zum Freund gehabt?

          Er richtete sich ab für den Tag der großen Abrechnung. Verbrecher seien nützlich, weil sie Verbrecher seien, so hat er über die Bankräuber geurteilt, die für die bolschewistische Partei Geld stahlen. Die Appassionata, die er so gern hörte, mache ihn weich und milde, so hat er einmal bekannt. Man möchte die Köpfe der Menschen streicheln, wenngleich es doch darauf ankomme, auf sie einzuschlagen. Der Revolutionär müsse sich abhärten, auch hart gegen sich selbst sein, wenn er Erfolg haben wolle. Sebestyen erzählt davon, aber man erfährt nicht, was er mit dieser aufschlussreichen Erzählung, die doch manches erklären könnte, eigentlich bezwecken will.

          Diese Schwäche des Textes wird vor allem im letzten Teil des Buches offensichtlich, in dem Sebestyen von der Machtergreifung der Bolschewiki erzählt, aber nicht erklärt, warum sie erfolgreich war. Denn es sprach im Sommer 1917 nichts für einen Sieg der Leninschen Partei. Lenin war zweifellos ein autoritärer, humorloser und fanatischer Mann, der für den Kompromiss nicht zu gebrauchen war. Er konnte es nicht ertragen, wenn andere als er selbst letzte Entscheidungen trafen. Man mag darin eine Charakterschwäche sehen. Zugleich aber war diese Schwäche Lenins größte Stärke. Seine Hand zitterte nicht, er spielte va banque und setzte stets alles auf eine Karte, und stets ging er als Sieger aus selbst inszenierten Konflikten hervor.

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