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Larissa Bender: Syrien Syriens ungewisse Zukunft

Die Angst vor dem Regime ist verflogen, das Joch aber nicht abgeworfen

© dpa Vergrößern Syrische Führung zieht erste Bilanz der Zerstörung

In Syrien dauert der Aufstand länger als in anderen arabischen Staaten, und er ist blutiger. Der Sturz der Machthaber in Tunesien und Ägypten setzte nicht wie fallende Dominosteine rasch und unabwendbar den Sturz auch des Diktators in Damaskus nach sich. Syrien ist anders als die Staaten, in denen die Revolution in weitere Etappen übergegangen ist. In Syrien sind die Lager der Pro-Regime-Kräfte und der schweigenden Mehrheit, die sich nicht an Protesten beteiligen will, größer als in den drei Revolutionstaaten Nordafrikas; Syriens Armee repräsentiert - anders als die Ägyptens oder Tunesiens - nicht den Querschnitt des Volkes, sondern ist Instrument des Machterhalts jener Glaubensgemeinschaft der Alawiten, der auch Präsident Assad angehört. Zudem setzt das Regime seine Schlägertrupps und Todesschwadrone der Schabiha ein, um die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.

Seit mehr als 18 Monaten zieht sich die Agonie Syriens hin, und doch ist über den Konflikt nur wenig Verlässliches bekannt. Trotz der vielen Youtubeclips ist der syrische Bürgerkrieg einer der am schlechtesten dokumentierten Konflikte der jüngeren Zeit. Der Zugang in das Land ist schwierig (und immer gefährlicher); zwischen Information und Propaganda kann kaum getrennt werden. Niemand weiß mit Gewissheit, wo die Grenzen zwischen den Rebellen und dem Regime verlaufen, wer welche Gebiete kontrolliert und wer hinter welchen Anschlägen steckt.

Licht in das Dunkel zumindest der Grundstrukturen des Konflikts bringt ein Sammelband zu Syriens schwierigem Weg in die Freiheit, den Larissa Bender mit 19 Beiträgen überwiegend syrischer Autoren herausgegeben hat. Bücher zu aktuellen Themen leiden zwar daran, dass sie rasch veralten. Das trifft auch auf das vorliegende Buch zu. Lesenswert ist es dennoch über den Tag hinaus. Denn es enthält Aspekte, die in der täglichen Berichterstattung nicht oder bestenfalls am Rande vorkommen, etwa zur Rolle der syrischen Künstler bei dem Aufstand oder zum Zerfall der Angst. Zu Wort kommen Syrer - Aktivisten, Oppositionelle und Schriftsteller. Die Beiträge skizzieren beispielsweise das Entstehen der Lokalen Koordinierungskomitees und den Übergang vom friedlichen zum bewaffneten Protest, sie beschreiben den Einsatz der Künstler für den Aufstand und wie die Revolution von der virtuellen Welt auf die Straße geholt wurde, sie erläutern die Ängste der Christen und die Geiselhaft der Alawiten in den Händen des Regimes.

Der Publizist Yassin Al Haj Saleh erklärt, weshalb die politische Opposition keine erfahrene Führung und keine überzeugende Kraft hervorgebracht hat, was letztlich den Griff zu den Waffen erleichtert hat, und er räumt ein, dass der organisierte bewaffnete Widerstand zur nihilistisch dschihadistischen Gewalt mutiert. Der Kurde Ahmed Hissou legt die sehr heterogene kurdische Oppositionsbewegung offen und skizziert das schwierige, von Misstrauen geprägte Verhältnis der kurdischen Rebellen, die sich 2004 gegen das Regime erhoben haben, ohne dass sie jemand dabei unterstützt hätte, zu den arabischen Syrern.

Auch sprachlich mit Gewinn zu lesen sind die Texte von jungen syrischen Schriftstellern wie Samar Yazbek, Rosa Yassin Hassan und Omar Kaddour. Ein Schlüsselsatz bei Rosa Yassin Hassan, die die Auflösung der Angst vor dem Regime bei den Kindern beschreibt, lautet auf Seite 133: „Die ideologische Aufrüstung, der die Kinder meiner Generation unterworfen waren, machte die Schulen in den siebziger und achtziger Jahren zu einer Art Zweigstelle des Geheimdienstes. Die Kinder wurden behandelt wie Häftlinge. Heute steht hier kein Stein mehr auf dem anderen. Da ist keine Angst mehr, die sich in die Seelen unserer Kinder einbrennt.“

Der Lyriker Omar Kaddour spinnt diesen Faden auf Seite 118 weiter: „Vielmehr hat die Angst die Seiten gewechselt - hin zum Regime, das jahrzehntelang selbst die Menschen das Fürchten gelehrt hat. Mit Zeichenstift, Worten und Noten entwerfen die Syrer ihre Freiheit.“ Dennoch wird bei der Lektüre des Beitrags des deutschen Nahostpublizisten Norbert Mattes klar, weshalb Bashar al Assad weiter glaubt, den Aufstand ebenso niederschlagen zu können wie es 1982 seinem Vater Hafez al Assad gelungen war. Heute setzt der Sohn genau dieselben Mittel ein wie damals der Vater. Im Unterschied zu damals sind die Geheimdienste und Sicherheitsapparate aber nicht mehr allmächtig, hat die Angst aufgehört zu existieren.

Wenn dem Sammelband etwas vorgeworfen werden kann, dann, dass er mit den Rebellen und der Opposition zu unkritisch umgeht, dass zu stark der Eindruck vermittelt wird, dem Schwarz des Regimes steht ein unschuldiges Weiß der Rebellen gegenüber. Zu viel ist über Brutalität auch der (keineswegs nur heroischen) Rebellen bekannt, über den wachsenden Einfluss von Dschihadisten auf die Erhebung, auch über die Unfähigkeit von Opposition und Rebellen zu einem koordinierten Vorgehen und zur Rücksichtnahme auf die zivile Bevölkerung. Bei allem Blutvergießen ist indes sicher, wie Rosa Yassin Hassan schreibt, „dass Syrien nie wieder so werden wird, wie es einmal war, und dass dieses alte morsche Gebäude einer Kultur der Angst, in der wir aufgewachsen sind, bis auf die Grundmauern zerstört ist.“ Nur ist völlig ungewiss, wie das neue Syrien aussehen wird.

Larissa Bender (Herausgeberin): Syrien. Der schwierige Weg in die Freiheit. Dietz Verlag, Bonn 2012. 201 S., 14,90 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.10.2012, 16:40 Uhr

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Von Nikolas Busse

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