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Veröffentlicht: 19.09.2016, 10:14 Uhr

Korporierte Sozialdemokraten Rote Burschenherrlichkeit?

Wie soll die SPD als Volkspartei mit studentischen Korporationen umgehen? Ein bunter Strauß an Beiträgen des Sammelbandes mit Antworten richtet sich teils an nichtkorporierte Genossen, teils an sozialdemokratische Korporierte.

von Christopher Dowe
© dpa Ein Gedenkstein, der an die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Leipzig erinnert

Im Jahr 2006 schlossen sich Mitglieder unterschiedlicher Studentenkorporationen („Verbindungen“) in Bonn zusammen und gründeten den Arbeitskreis sozialdemokratischer Korporierter. Diese Vorfeldorganisation der SPD benannte sich zwei Jahre später nach einem der Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie in Lassalle-Kreis um. Ihren Ursprung hatte die Gruppierung in einem Internetforum, in dem Mitglieder der SPD, die als Studierende oder als Alte Herren einer Studentenverbindung angehörten, über Strategien diskutierten, wie rechtsextremistische Strömungen in der deutschen und österreichischen Studentenkorporationswelt entgegengetreten und diese zurückgedrängt werden könnten. Bald ergab sich eine weitere Herausforderung, traten doch einflussreiche Kreise in der SPD für die Verabschiedung eines Unvereinbarkeitsbeschlusses ein, in dem die Mitgliedschaft in jedweder Studentenkorporation als nicht mit der Parteizugehörigkeit vereinbar erklärt werden sollte.

Insbesondere Juso-Gruppen hatten entsprechende Forderungen erhoben. Im November 2005 verwies der SPD-Parteitag in Karlsruhe einen entsprechenden Antrag zur Beschlussfassung an den Parteivorstand, der nach vielen Interventionen im März 2006 den Antrag umfassend entschärfte. Der Unvereinbarkeitsbeschluss galt nur noch für Doppelmitgliedschaften in der Partei und bestimmten rechtsextremen Burschenschaften, nicht mehr für alle Studentenkorporationen. Damit wurde der großen Vielfalt unter studentischen Korporationen Rechnung getragen, die unterschiedlichste Bünde umschließt: katholische und evangelische, schlagende und nicht-schlagende, farbentragende und nicht-farbentragende, Männerbünde, Frauenverbindungen und Organisationen für Frauen und Männer, solchen mit wissenschaftlichem, sportlichem oder musischem Schwerpunkt.

Die Umwandlung des Unvereinbarkeitsbeschlusses durch den SPD-Parteivorstand stellte nicht etwa das Ende einer Entwicklung dar, sondern ist Teil eines bis in die Gegenwart reichenden Ringens innerhalb der SPD darum, wie sie als Volkspartei mit studentischen Korporationen umgehen soll. Teil dieser Auseinandersetzungen ist der vom Lassalle-Kreis initiierte Sammelband „Rote Fahnen, bunte Bänder“. In ihm suchen korporierte Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sich als gewachsenen Teil der sozialdemokratischen Bewegung auszuweisen.

Ein bunter Strauß an Beiträgen richtet sich teils an nichtkorporierte Genossen, teils an sozialdemokratische Korporierte. Argumente zur Rechtfertigung der Positionen des Lassalle-Kreises, selbstkritisches Nachdenken über eine (sozialdemokratischere) Zukunft für studentische Korporationen und eine große Zahl an Kurzbiographien sozialdemokratischer Korporierter von der Gründervätergeneration (etwa zu Ferdinand Lassalle, Wilhelm Liebknecht, Georg Herwegh) über Gegner des Nationalsozialismus wie Adolf Reichwein bis hin zum ersten Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder sind zwischen einen Buchdeckel gepresst.

Dass zudem (als Wiederabdruck) ein Aufsatz von Peter Brandt über das Erbe der Urburschenschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts enthalten ist, verstärkt beim Rezensenten die Assoziation an die Selbstvorstellungen deutscher Studentenkorporationen um 1900, wie sie etwa in Verbandshandbüchern oder Verbindungsgeschichten ihren Ausdruck fand. Hier wie da diente die (selektive) Berufung auf die (zum Teil) mythisch übersteigerte Urburschenschaft als Referenzpunkt des Selbstverständnisses. Dies wie manche Argumentationsfolge machen das hier zu besprechende Buch vor allem für die In-Group des Lassalle-Kreises interessant.

Wer in den zahlreichen Kurzbiographien die Mitgliedschaft im Lebensbund Studentenkorporation als eine wichtige Deutungslinie und einen die Darstellung prägenden Erzählfaden erwartet, wird den Band allzu oft enttäuscht aus der Hand legen. Die oft nur eingestreuten Bemerkungen und Skizzen zur wechselvollen Geschichte des Verhältnisses von studentischen Korporationen und sozialdemokratischer Bewegung lassen allenfalls in Ansätzen erahnen, wie ertragreich eine entsprechende historisch fundierte systematische Analyse für die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart sein könnte. Auch die Passagen zur gegenwartsnahen und gegenwärtigen Auseinandersetzung mit linker Korporationskritik lassen an analytische Tiefe vermissen und verharren zu oft bei Reflexion eigener Erlebnisse. Deshalb kann für den Lassalle-Kreis dieser Band allenfalls der Einstieg in eine vertiefte und wissenschaftlich grundierte Selbstreflexion sein, wenn er seinem Selbstverständnis gerecht und sich im akademischen Umfeld wie der eigenen Partei erfolgreich behaupten will.

Manfred Blänkner/Axel Bernd Kunze (Herausgeber): Rote Fahne, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute. Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Bonn 2016. 319 S., 19,90 €.

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