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Konservative unter sich Die Rückdenker

22.12.2011 ·  Die Früher-war-alles-besser-Partei meldet sich mit Jörg Schönbohm und Arnulf Baring zu Wort. Ihr rotes Tuch ist Frau Merkel - und die Zukunft ein unbeschriebenes Blatt.

Von Stefan Dietrich
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© dpa Jörg Schönbohm und Angela Merkel und eine Handvoll Leopold Ranke (auf dem Landesparteitag der CDU in Brandenburg am 27. Januar 2007)

Ein Verfassungspatriot, sagt Josef Kraus, komme ihm vor wie ein Fußballfan, der das Spiel liebe, weil er die Regeln so toll finde. Solche blutleeren Patrioten sind die vier Konservativen, die mit diesem Bändchen eine Art Talkshow zum Mitlesen veranstaltet haben, nicht. Sie lieben ihr Land - und leiden daran, dass es nicht mehr ist, wie es einmal war.

Politisch sind und waren sie in CDU und CSU beheimatet. Nun haben sie sich als Vertriebene wiedergetroffen - abgestoßen von einer Union, der sie vorwerfen, auf breiter Front „der Sozialdemokratisierung“ anheimzufallen. „Ausverkauf“, wohin man blicke; letzte Konstante in der Union sei ihr unbedingter Wille zur Macht. Das geht in erster Linie gegen die Vorsitzende Merkel. Gegen wen auch sonst? „Wer ist denn noch da“, fragt Schönbohm, „von den Männern oder Frauen in der zweiten Reihe, die erkennbar für ein Thema, für eine Idee brennen?“ Friedrich Merz, Roland Koch und Schönbohm selbst - alle weg.

Allerdings wird nicht so recht klar, was sie von der allein auf weiter Flur verbliebenen Machtpolitikerin Merkel eigentlich erwarten. „Nach heutigem Stand der Dinge war Schröder ein bedeutenderer Politiker als Merkel“, meint Arnulf Baring, weil er den Schneid gehabt habe, notwendige Reformen mit einem „Basta“ durchzusetzen. Merkel aber werfen sie genau das vor: dekretieren statt debattieren, „Politik par ordre de Mutti“.

Nur liefern gerade diese vier gestandenen Konservativen ein besonders trauriges Stück Debattenkultur ab. Statt einen Vertreter des geschmähten Zeitgeists zum Streitgespräch herauszufordern, jammern sie sich gegenseitig etwas vor. So wird daraus eine Art Tischfußball ohne Gegner. Man ereifert sich, schiebt sich gegenseitig den Ball zu, aber geschossen wird immer nur auf das Tor der imaginären Gegenspieler. Jeder Treffer ein Punkt für alle vier.

Wie konnte eine bürgerliche Regierung so mir nichts, dir nichts die Wehrpflicht abschaffen, wie die Bildung und die Familienpolitik bedingungslos den Erfordernissen der Wirtschaft unterordnen? „Wir kannten die CDU als eine werteorientierte, christlich geprägte Partei“, sagt Frau Löhr, heute betreibe sie nur noch „talkshowtaugliches Politmarketing“. Da spricht sie gewiss sehr vielen (ehemaligen) CDU-Wählern aus dem Herzen.

Zurecht prangern die vier auch das Hin und Her in der Energiepolitik an, ohne allerdings zu sagen, was aus ihrer Sicht eigentlich die falsche Entscheidung war: die Verlängerung der Nutzung der Kernenergie oder deren vorzeitige Beendigung. Stringenz lassen auch ihre Einlassungen zur Euro-Krise vermissen. Mal lässt Baring Helmut Kohl als Zeugen dafür auftreten, dass es Merkels Europa-Politik an Verlässlichkeit mangele, mal verdammt er Kohl als „Totengräber der D-Mark“ - und im selben Atemzug Merkel als „Totengräberin des Euro“.

Das Elend des Konservatismus - in diesem Selbstgespräch wird es Ereignis. Der wachsenden Schar von Unionsanhängern, die ins Lager der Nichtwähler wechseln, folgen die vier Vordenker mit dem Rückzug nach Krähwinkel. Dort ist man sich nur einig in der Kritik am Gewordenen. Aber wer als Gegenentwurf nur die Vergangenheit zu bieten hat, der hat den Kampf um die kulturelle Hegemonie und um die Zukunft schon aufgegeben.

Arnulf Baring/Josef Kraus/Mechthild Löhr/ Jörg Schönbohm: Schluss mit dem Ausverkauf! Landt Verlag, Berlin 2011. 128 Seiten, 8,50 €.

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