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Konservatismus : Das Gestern im Heute für morgen

  • -Aktualisiert am

Alfred Dregger und Franz Josef Strauß auf dem CSU-Parteitag im Dezember 1987 Bild: Imago

Was „konservativ“ ist, glaubte man früher genau zu wissen. War also früher alles besser?

          Der Konservatismus war lange in der Versenkung verschwunden. Nach dem Generationswechsel der neunziger Jahre gab es in den Unionsparteien nur wenige, die explizit das Erbe von Strauß, Dregger oder Otto von Habsburg antreten wollten. Seit dem Aufkommen der AfD hat sich das verändert. Deren Anspruch, das konservative Erbe der Union anzutreten, bringt wieder Schwung in die alte Debatte, wer oder was als konservativ, rechts oder populistisch zu bezeichnen sei. Gibt es übergreifende Werte, die Konservative ausmachen? Inwieweit stehen Alexander Gauland und Jörg Meuthen in einer Tradition konservativer Intellektueller, die einst für das christliche Abendland, Ordnung und Autorität eintraten?

          Der von Sebastian Liebold und Frank Schale edierte Band sieht von Bezügen zur Gegenwart ab. Ebenso vermeidet sein nüchterner Duktus eine Parteinahme. Aber man kann das Buch durchaus vor dem Hintergrund aktueller Debatten lesen. Das gilt besonders für den lesenswerten Beitrag von Martina Steber, die sich mit der Deutschen Partei auseinandersetzt. Diese explizit konservative Partei war nach Gründung der Bonner Republik immerhin elf Jahre in Adenauers Kabinett als Koalitionspartner vertreten. Ihr Einzug gelang seit 1953 zwar nur über Direktmandate, die sie über Wahlabsprachen mit der Union sicherte, aber mit Heinrich Hellwege und Hans-Joachim von Merkatz stellte sie sichtbare konservative Bundesminister und den Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Ihre Schriften – wie die „20 Thesen für eine zeitnahe konservative Politik“ von 1955 – ermöglichen eine Annäherung an die Merkmale des Konservatismus. Dazu zählen die Sehnsucht nach Ordnung, Autorität und Tradition und der Verweis auf das Christentum als „Garant ewiger Werte“. Die Freiheit des Individuums versuchten sie mit der „Autorität des Staatswillens“ anzugleichen. Eine „Freiheit in Ordnung“ versprach schließlich auch die CDU und setzte sie erfolgreich um, so dass die Deutsche Partei schrittweise in ihr aufging. Wie in den fünfziger Jahren wird vermutlich die künftige Wirtschaftskonjunktur mit entscheiden, ob der AfD ein ähnliches Schicksal bevorsteht.

          In den fünfziger Jahren entstanden zudem bereits internationale konservative Netzwerke, wie Johannes Großmann anschaulich zeigt. So baute die Abendländische Akademie grenzübergreifende Kontakte aus. Ihre Vorsitzenden Friedrich August Freiherr von der Heydte und Otto von Habsburg spielten dabei eine Schlüsselrolle. Um die „christlichen Kräfte Europas“ zu mobilisieren, trafen sich die westeuropäischen Konservativen vor allem in Francos Spanien. Von dort kehrten sie mit dem Eindruck zurück, dass „dieses Spanien abendländischer und wehrfähiger als der Rest Europas sei“, so Alfons Dalma 1952 in der Zeitschrift „Neues Abendland“. Auch im folgenden Jahrzehnt verteidigte dieses Netzwerk Francos Regime. Heutige Beschwörungen des „christlichen Abendlandes“, wie sie die AfD und Pegida aufbringen, erinnern ebenso daran wie ihre Faszination für autoritäre Politiker in unseren Nachbarländern.

          Die restlichen Texte des Bandes versammeln mosaikartig einzelne Biographien von Konservativen, die unbelastet, jung oder im Exil den Nationalsozialismus überstanden. Wenngleich dies sicher keine ganz typischen Lebensläufe sind, liest man viele mit Gewinn, weil sie vertraute Schubladen sprengen. Das gilt etwa für Nils Langes Beitrag über den Journalisten Matthias Walden, der zunächst als Chefredakteur des Senders Freies Berlin, als Kolumnist der Zeitschrift „Quick“ und später als Mitherausgeber der „Welt“ für konservative Positionen stritt. Dass er mit großer Härte gegen Brandts Ostpolitik und die Liberalisierung der Bundesrepublik kämpfte, überrascht wenig. Dass er jedoch Anfang der sechziger Jahre die Verdrängung der NS-Verbrechen und die personelle Kontinuität im öffentlichen Dienst kritisierte, ist kaum bekannt. Ebenso kritisierte Walden die Traditionspflege in der Bundeswehr, die sich zu sehr auf die Wehrmacht beziehe und riet, doch eher den 20. Juli zum Vorbild zu nehmen. Zumindest in dieser Hinsicht war er sicher kein Vorläufer von Alexander Gauland.

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