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Veröffentlicht: 27.03.2017, 09:52 Uhr

Konrad Adenauer Politiker und Medien ohne Verhältnis zum Staat!

Monsignore Paul Adenauer führte als Begleiter und Berater seines Vaters Konrad Adenauer vom 29. September 1961 bis zum 24. Februar 1963 sowie vom 19. Oktober 1963 bis zum 4. Dezember 1966 ein sehr aufschlussreiches Tagebuch.

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© Abb. aus dem besprochenen Band Konrad Adenauer und Monsignore Paul Adenauer

Neues über Konrad Adenauer, pünktlich zum 50. Todestag des Gründungskanzlers der Bundesrepublik Deutschland am 19. April. Monsignore Paul Adenauer, der zu jener Zeit das Katholische Zentralinstitut für Ehe- und Familienfragen in Köln leitete und im elterlichen Haus in Rhöndorf wohnte, führte als Begleiter und Berater seines Vaters vom 29. September 1961 (kurz nach der Bundestagswahl, bei der die Union die absolute Mehrheit verloren hatte) bis zum 24. Februar 1963 sowie vom 19. Oktober 1963 (wenige Tage nach dem Ende der Kanzlerschaft) bis zum 4. Dezember 1966 sporadisch Tagebuch.

Rainer  Blasius Folgen:

Unmittelbar Erlebtes und Gehörtes hielt er anfangs handschriftlich, ab Frühjahr 1962 auf einem Diktiergerät fest; später erfolgte per Schreibmaschine die Texterfassung. Die Tonbänder sind jedoch nicht im Nachlass von Paul Adenauer (1923–2007) überliefert. Bearbeiter Hanns Jürgen Küsters findet es zu Recht erstaunlich, dass eine Reihe von Vorgängen ausgespart blieben, unter anderem die letzten Monate vor dem Rücktritt als Kanzler am 15. Oktober 1963. Noch viel erstaunlicher ist, dass das Tagebuch erst 2015 auftauchte und von einem Kanzler-Enkel erworben werden konnte, der es zur Bearbeitung zur Verfügung stellte.

Dem Tagebuch vorangestellt ist ein profunder Essay über Paul Adenauer. Ihm half der Glaube, die Zeit des „Dritten Reiches“ durchzustehen und mit der politischen Verfolgung sowie vorübergehenden Verhaftung seiner Eltern fertig zu werden. Das durch Kriegsdienst (Sanitäter) unterbrochene Theologiestudium setzte er 1945 fort. Große Sorgen machte er sich um seine kranke Mutter Gussie, die 1948 im Alter von 52 Jahren starb. 1951 wurde Paul zum Priester geweiht; 1953 ließ er sich beurlauben für ein Zweitstudium in Volkswirtschaftslehre. Vor der Bundestagswahl 1957 trat er in die CDU ein, zwei Jahre später schloss er seine Dissertation „Probleme der mittelständischen Investitionsfinanzierung in der sozialen Marktwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland unter Berücksichtigung amerikanischer Erfahrungen“ ab. Noch vor Abschluss des Promotionsverfahrens setzte er seine pastorale Tätigkeit in Unkel fort. 1960 verlieh ihm Papst Johannes XXIII. in Rom den Titel Monsignore.

Die große Stärke der Tagebuch-Publikation liegt in der Vermittlung des Atmosphärischen: Ein alter Herr klammert sich an die Macht, merkt allmählich, dass er nicht mehr ernst genommen wird in seiner eigenen Partei, nimmt sich selbst für alles und jedes zum Maßstab, verachtet seinen Nachfolger Ludwig Erhard und noch mehr Gerhard Schröder, den von ihm selbst 1961 berufenen Außenminister. Der am 7. November 1961 wiedergewählte Regierungschef glaubt, dass der Koalitionspartner FDP und Schröder seine Außenpolitik sabotieren würden.

Mitte Juni 1962 meint Paul, „dass Vater einen deutsch-französischen Pakt wünscht“. Am 1. Juli geht es um die Frage: „Verdirbt Politik den Charakter? Vater meint ja, denn ein derartiger Kampf fordere in den Menschen gerade die schlechten Eigenschaften heraus, und um sich zu verteidigen, sei man sehr versucht, auch nach minderwertigen Mitteln zu greifen.“ Eine Woche später, bei der Rückkehr aus Frankreich, ist Adenauer begeistert vom Staatspräsidenten: „Es sei beiden ganz klar geworden, de Gaulle erst richtig nach der Unterhaltung mit Vater, wie bedeutungsvoll es sei, die beiden Völker immer mehr ineinander wachsen zu lassen, sodass weder eine deutsche nationalistische Richtung einen Anschluss nach Osten ernsthaft planen könne, noch eine französische Regierung oder Partei Veranlassung haben könne, gegenüber Deutschland im Osten Sicherheit zu suchen.“ Anfang September findet de Gaulles Triumphzug durch Deutschland statt, mit Visite in Rhöndorf: Vater und Sohn Adenauer genehmigen sich eine Flasche Sekt auf den außenpolitischen Erfolg. Im November folgt die „Spiegel“-Affäre, mit der Kabinettsumbildung und einer Fraktionssitzung, auf der dann der Kanzler „gemein behandelt“ worden sei durch unbotmäßiges Gelächter vieler Abgeordneter.

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