Unter den Geheimdiensten der Welt nimmt Israels Mossad eine besondere Stellung ein. Er gilt als über die Maßen gut informiert, nicht zuletzt dank der vielen Agenten, die von ihm in feindliche Dienste eingeschleust worden sind. Seine Erfolgsquote bei der rechtzeitigen Aufdeckung von terroristischen Anschlägen ist hoch. Und nicht zuletzt gilt er als brillant und gnadenlos im Aufspüren und Töten feindlicher Terroragenten.
Dies Letztere ist freilich eine hochproblematische Aufgabenstellung und in Demokratien und Rechtsstaaten nicht leicht zu rechtfertigen. Nur eine ganz außerordentliche Gefahr für das eigene Land und die Sicherheit seiner Bürger, wie sie etwa von feindlichen Terrorkommandos ausgeht, und nur eine in jedem Einzelfall höchsten kritischen Maßstäben genügende moralische Abwägung des Pro und Kontra und die Garantie professioneller Präzision können so etwas wie eine brüchige Legitimation des politischen Doppelstandards liefern. Man weiß im Übrigen, dass die Agenten mit der „Lizenz zum Töten“ keine James Bonds sind, die immer und ausnahmslos die Super-Bösewichte erwischen. Im wirklichen Leben gehen solche Tötungsaktionen häufig daneben. Das heißt, sie treffen Unschuldige, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten.
Seit seiner Gründung 1948 ist der Staat Israel in einen Überlebenskampf mit seinen arabischen Nachbarn verstrickt, insbesondere den Palästinensern, deren Führungsgruppen sich bis heute nicht eindeutig auf eine friedliche gemeinsame Zukunft mit dem Staat Israel einigen konnten. Der Terrorkampf gegen Israel nahm in den siebziger Jahren besonders bedrohliche Formen an und wurde internationalisiert, zum Beispiel durch Flugzeugentführungen und den Überfall des Terrorkommandos „Schwarzer September“ auf jüdische Sportler, die an den Olympischen Sommerspielen 1972 in München teilnahmen.
Rache für München
Nach diesem spektakulären Attentat, das als Massaker endete, plante der Mossad im Auftrag seiner Regierung, alle an diesem Anschlag beteiligten palästinensischen Terroristen und ihre Hintermänner auszuschalten, wo immer sie sich aufhalten mochten. Dies war letztlich erfolgreich und erhöhte das Geheimdienst-Renommee des Mossad. Eine Episode aus dieser Jagdgeschichte endete allerdings in einem Desaster. Das kommt relativ schonungslos auch in diesem Buch über die israelische Agentin Sylvia Rafael zum Ausdruck, die an dieser Episode beteiligt war. Sylvia Rafaels Lebensgeschichte wird von Moti Kfir, einem ehemaligen hochrangigen Mossad-Agenten, gemeinsam mit dem Thriller-Autor Ram Oren als literarisches Epitaph gestaltet.
Die beiden Autoren haben das Buch geschickt als eine Art Doppelbiographie von Sylvia Rafael und dem Anführer des „Schwarzen September“, Ali Salameh, komponiert. Der Kontrast zwischen beiden könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite die blitzgescheite, humorvolle, mutige und opferbereite israelische Patriotin, in Südafrika aufgewachsen und aus moralischer Überzeugung heraus nach Israel gekommen, um sich dem Land zur Verfügung zu stellen. Auf der anderen Seite der Playboy und Sohn eines palästinensischen Miliz-Kommandeurs, der sich nur ungern von seiner Mutter und von Arafat persönlich in die Schuhe seines Vaters zwängen lässt.
Der Lillehammer-Mord von 1973
Nach gründlicher Prüfung und Ausbildung erledigt Sylvia Rafael als kanadische Fotojournalistin Patricia Roxburgh gefährliche Aufträge für den Mossad. Der letzte darunter ist die Beteiligung am Lillehammer-Mord im Sommer 1973. Auf Grund einer Personenverwechslung töten Mossad-Agenten einen marokkanischen Kellner in dem Erholungsort bei Oslo, weil sie ihn für Ali Salameh halten. Der Anschlag ist schlampig vorbereitet und durchgeführt. Der norwegischen Polizei gehen eine Reihe israelischer Agenten, darunter auch Sylvia Rafael, ins Netz.
In dem anschließenden Prozess wird sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, von denen sie allerdings nur knapp zwei Jahre absitzt. Als Agentin „verbrannt“, hat sie die Kraft, völlig neu anzufangen. Sie stirbt nach vielen glücklichen Jahren an der Seite ihres norwegischen Ehemanns mit 68 Jahren an Krebs. Anders Ali Salameh - er wird schließlich doch erwischt, in Beirut durch eine Autobombe.
Am Anfang weisen die Autoren fairerweise darauf hin, dass sie zuweilen ihrer literarischen Phantasie freien Lauf gelassen haben. Unbedachte Einsichten in das Innenleben des Mossad oder in die Geschichte seiner Kampfes gegen den antiisraelischen Terrorismus darf man nicht erwarten. Aber spannend ist die Lektüre allemal.
Moti Kfir/Ram Oren: Sylvia Rafael - Mossad-Agentin. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Arche Literatur Verlag, Zürich 2012. 333 Seiten, 21,95 Euro.