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Judenräte in den Ghettos : Anpassung und Unterwerfung

  • -Aktualisiert am

Undatierte Aufnahme aus dem Warschauer Ghetto Bild: dpa

Die auf Anordnung der deutschen Besatzungsmacht eingesetzten Judenräte und Ordnungsdienste hatten den Auftrag, in den Ghettos die antijüdischen Maßnahmen zu verkünden und zu vollziehen.

          In ihrem Buch über den Eichmann-Prozess in Jerusalem („Ein Bericht von der Banalität des Bösen“) stellte Hannah Arendt schon 1964 fest, dass die „Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihres eigenen Volkes für Juden zweifellos das dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte“ gewesen sei. Aber erst nach Öffnung der osteuropäischen Archive seit Anfang der neunziger Jahre gelang es der Zeitgeschichtsforschung, sukzessive Licht in die dunkle Geschichte der jüdischen Ordnungsdienste zu bringen. Aus der bisherigen Fachliteratur ragt das Buch der deutschen Historikerin Svenja Bethke hervor, die auf breitgefächerter Basis zeitgenössische Quellen polnischer Provenienzen kritisch ausgewertet hat, um personelle und organisatorische Veränderungen der Judenräte in dem Zeitraum zwischen 1939 und 1944 offenzulegen.

          Den Kern des Quellenkorpus bilden Dokumente der jüdischen Selbstverwaltungsorgane. Die auf Anordnung der deutschen Besatzungsmacht eingesetzten Judenräte und Ordnungsdienste hatten den Auftrag, die antijüdischen Maßnahmen zu verkünden und zu vollziehen. Dabei wurden sie immer mehr „mit dem Dilemma konfrontiert, deutsche Forderungen erfüllen und deutsche Vorstellungen in den Ghettos umsetzen zu müssen“. Auf diese Weise hofften sie, das Überleben der Ghettogemeinschaft zumindest teilweise sichern zu können. Seit 1941 zeigte sich dann aber, „dass beide Anliegen angesichts der deutschen Mordpläne nicht zu vereinbaren waren“. Sobald die Judenmorde bekannt wurden, haben die Judenräte ihre Überlebensstrategien für die Ghettogemeinschaften angepasst oder modifiziert - letztlich ohne Erfolg.

          Autorin Bethke hat ihre Untersuchung auf die großen Ghettos in Warschau, Litzmannstadt (vormals Lodz) und Wilna konzentriert. Diese lagen in verschiedenen Distrikten (Warschau im „Generalgouvernement“, Litzmannstadt im neu gegründeten „Reichsgau Wartheland“, Wilna im „Reichskommissariat Ostland“ auf sowjetischem Territorium) und bestanden unterschiedlich lange: Das Ghetto Warschau existierte von Oktober 1940 bis zur Niederschlagung des jüdischen Aufstands im Mai 1943. Zwischen Juli und September 1942 hatten die deutschen Besatzer mehr als 240 000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Die Stadt Lodz wurde 1940 umbenannt in Litzmannstadt; Namensgeber war der deutsche General Karl Litzmann, der im Ersten Weltkrieg russische Truppen bei Lodz besiegt hatte. Die im Ghetto Litzmannstadt verbliebenen Juden wurden bis August 1944 ermordet. Das Ghetto Wilna wurde 1941 eingerichtet und im September 1943 gewaltsam „liquidiert“.

          Nach einer historisch sinnvollen Einführung in die „Lebenswelt Ghetto“ und die nationalsozialistische Judenpolitik in Osteuropa gliedert die Verfasserin ihr Buch in fünf große Kapitel. Die thematischen Schwerpunkte reichen von den Befugnissen der Judenräte und der jüdischen Polizei als Exekutivorgan, über die ghettointernen Gerichte und den Strafvollzug im Ghetto bis zum Widerstreit zwischen „äußerer Macht“ und „innerer Autonomie“.

          Zeitnah mit der Ghettoisierung mussten die Judenräte jüdische Polizeiorgane schaffen, die in Warschau und Litzmann-stadt Ordnungsdienste genannt wurden. Die deutschen Besatzungsbehörden betrachteten sie als Hilfspolizeiorgane, die ihre dem Judenrat übermittelten Ordnungsvorstellungen durchsetzen sollten. In Warschau ernannte der Judenratsvorsitzende einen ehemaligen Oberst der polnischen Polizei zum Leiter der jüdischen Polizei. „In der Führungsriege des Ordnungsdienstes konnten die meisten Mitglieder auf ein Jurastudium im Vorkriegspolen sowie häufig auf Berufserfahrungen als Anwälte oder Polizisten zurückblicken.“

          Für nachgeordnete Bewerber galten folgende Anforderungen: Alter zwischen 21 und 40 Jahren, sechs Jahre Schulbildung, eine Größe von mindestens 170 cm und abgeleistete Militärdienstpflicht. Im Juli 1942 zählte der Ordnungsdienst 2500 Männer im Ghetto Warschau. Die jüdischen Polizeiorgane sollten für „Ruhe und Ordnung“ im Ghetto sorgen und deutsche Erwartungen notfalls mit Gewalt durchsetzen. Zu diesem Zweck wurden sie mit Schlagstöcken ausgerüstet. Außerdem wurden sie befugt, Haft- und Geldstrafen zu verhängen. Die individuellen Strafen lagen im Ermessen der Polizisten. Die Inhaftierung erfolgte entweder in ghettointernen Gefängnissen oder in Gefängniszellen bei den jüdischen Polizeirevieren. Wer mehr erfahren will über das ganze Ausmaß der menschenverachtenden Repressionen in den Ghettos, dem sei das neue Buch von Svenja Bethke uneingeschränkt empfohlen.

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER

          Svenja Bethke: Tanz auf Messers Schneide. Kriminalität und Recht in den Ghettos Warschau, Litzmannstadt und Wilna. Hamburger Edition, Hamburg 2015. 317 S., 28,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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