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Islam : Wessen Muslim-Sein ist wirklich relevant?

  • -Aktualisiert am

Muslimas mit Burka beim Einkaufsbummel in der Bonner Fußgänger Zone im Juli 2009 Bild: Picture-Alliance

Mit den Muslimen ist der Islam als Religion und Kultur in Deutschland angekommen, allerdings auch der Terror, der seinen Ursprung in islamistisch-dschihadistischen Kreisen der „islamischen Welt“ hat. Er verunsichert viele und ängstigt manche.

          Dass die Frage, ob der Islam „zu Deutschland gehört“ oder nicht, einmal einen wesentlichen Teil der öffentlichen Diskussionen in diesem Land bestimmen würde, hätte man sich vor einer Generation noch nicht träumen lassen. Die Frage ist freilich schon deshalb unabweislich, weil inzwischen eine immer noch wachsende Anzahl von Muslimen unter uns lebt und weiterhin leben wird. Die Aufnahme syrischer Flüchtlinge hat ihre Zahl noch vermehrt und die Frage neuerlich zugespitzt. Mit den Muslimen ist der Islam als Religion und Kultur in Deutschland angekommen, allerdings auch der Terror, der seinen Ursprung in islamistisch-dschihadistischen Kreisen der „islamischen Welt“ hat. Er verunsichert viele und ängstigt manche. Vor allem seit dem „11. September“, den monströsen Anschlägen in Amerika, sind Skepsis und Aversion, hier und da auch Hass und Feindschaft gegen „den Islam“ stärker geworden.

          Mathias Rohe, Orientalist und Jurist zugleich, nimmt eine Bestandsaufnahme islamischer wie deutscher, nicht mehr nur christlicher Befindlichkeiten vor. Schon in einem früheren Buch, das der Scharia, dem islamischen Sakralrecht, gewidmet war, hatte er eine Differenziertheit bewiesen, die allen einseitigen, vielleicht durch eine notwendigerweise der Aktualität geschuldete Berichterstattung verengten Vorstellungen von der islamischen Lebensordnung in wichtigen Teilen widersprach, sie jedenfalls komplexer darbot, als sie, oberflächlich betrachtet, zu sein scheint oder kolportiert wird.

          Diesem aufklärerischen Geist ist auch „Der Islam in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme“ verpflichtet, ein wichtiger Beitrag zu einer gesellschaftlichen Diskussion, die über die Maßen hitzig geworden ist und bisweilen schon Züge eines Kulturkampfes angenommen hat. Hassprediger kennt nicht allein der Islam, Hassprediger finden sich mittlerweile auch unter seinen deutschen (europäischen) Gegnern. Sie machen auch einem Autor wie Rohe im Internet durch Drohungen und Verunglimpfungen das Leben schwer. Er kämpft gegen Islamophobie.

          In sechs Teilen entfaltet Rohe ein Tableau der gar nicht so kurzen Geschichte von Muslimen und Deutschen, von den mittelalterlichen Zeiten einer ersten „Annäherung“ bis in unsere Tage, von den „Beutetürken“ im Zeitalter der Türkenkriege mit den Osmanen und der Gründung der ersten festen Gemeinde in Berlin in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Zum Massenphänomen wurde der Islam freilich erst vor etwa fünfzig Jahren, als muslimische Gastarbeiter vornehmlich aus der Türkei nach Deutschland kamen und, nach dem Familiennachzug, fester Bestandteil der Wohnbevölkerung wurden. Heute leben Muslime aus 49 Ländern in Deutschland, darunter sind auch konvertierte Deutsche. Doch schon die Zahl von 3,8 bis 4,3 Millionen Muslimen, die heute für die Bundesrepublik genannt wird, ist wenig aussagekräftig. Es ist nämlich kaum sicher festzustellen, wessen Muslim-Sein wirklich relevant ist. Der Islam kennt keine Taufe, Muslim ist, wer sich ausdrücklich zum Islam als seiner Religion bekennt. Viele tun das indes gar nicht. Unter den Iranern beispielsweise geben 38 Prozent an, sie gehörten gar keiner Religionsgemeinschaft an. Die Vorstellung von einem monolithischen, geschlossenen Islam, einem Block, der Deutschland bedroht, ist ein Schreckgespenst, eine Chimäre.

          Kernstück des Buches sind der vierte und der fünfte Teil. Da listet der Autor jene Gruppen und Organisationen auf, die als der organisierte Islam bezeichnet werden können. Sie reichen von der mittlerweile umstrittenen, von Ankara und dem Regime Erdogans beeinflussten Ditib bis zum Liberal-Islamischen Bund. Auch hier zeigt sich keine Einheitlichkeit oder Geschlossenheit. Ein Überblick über den islamischen Extremismus beschließt diesen Teil. Blauäugigkeit oder verharmlosende „Islamophilie“ wird man dem Autor angesichts seiner Darstellung der Extremisten, etwa der Neosalafisten, kaum vorwerfen können, obwohl es solche Kommentare zu seinem Buch gewiss geben wird.

          Die islamische Lebenswelt stößt in Deutschland auf einen säkularen, jedoch aus gutem Grund nicht völlig laizistischen Staat, anders also als in Frankreich. Der Jurist Rohe wägt hier behutsam und gewissenhaft ab, wo sich Denk- und Verhaltensweisen von Muslimen mit unserer Rechtsauffassung vertragen und wo nicht. Hier ist er ganz auf eigenem Terrain. Das Tragen eines Kopftuches ist für ihn ebenso wenig eine Katastrophe für die liberale Demokratie wie die Beschneidung. Einige Feministinnen werden ihm da wohl widersprechen, wie auch manche Menschenrechtler, die auf die völlige körperliche Unversehrtheit der Person abstellen.

          Insgesamt geht Rohe in seinem Buch einen bedächtigen Weg, der immer die Bedürfnisse des Rechtsstaates und die Möglichkeiten des Grundgesetzes berücksichtigt, jedoch auch ein Verständnis für Religion und religiöse Anliegen aufbringt. Ein längeres Zitat der türkisch-deutschen Schauspielerin Sibel Kekilli, in dem sie die Rechte der Person gegenüber fremdbestimmten Zwängen der Kultur - in ihrem Fall der islamischen - verteidigt, verdeutlicht sehr klar die Schwierigkeiten, die eine in vielem noch patriarchalische Religion und Kultur mit Karl Poppers „offener Gesellschaft“ hat. Dies ist dem Autor selbstverständlich bewusst. Das Grundgesetz macht freilich manches möglich, verbietet allerdings durch seinen Freiheits-Begriff auch Methoden rigider Abschottung, wie sie von Islamgegnern manches Mal gefordert werden. Rohes Bestandsaufnahme ist ein gelungener Beitrag zur Versachlichung der Islam-Debatte und des interreligiösen Dialogs, der durch eine Abschottung beider Seiten verhindert würde.

          Mathias Rohe: Der Islam in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. C.H.Beck Verlag, München 2016. 416 S., 16,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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