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Innerdeutsches Kulturabkommen : Honeckers Mauerbaustein

  • -Aktualisiert am

Ein bemalter Trabant am 15. November 2015 vor einer Nachbildung der Berliner Mauer Bild: ZB

Die deutsch-deutschen Verhandlungen über kulturelle Zusammenarbeit, im November 1973 aufgenommen, waren von Anfang an schwierig und gerieten - ohne bis dahin wirklich substantiell zu werden - sehr bald in eine Sackgasse.

          Am 6. Mai 1986 unterzeichneten Staatssekretär Hans Otto Bräutigam als Leiter der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin und Kurt Nier, der stellvertretende Außenminister der DDR, das „Abkommen zwischen der Regierung der deutschen Demokratischen Republik und der Regierung der Bundesrepublik Deutschland über kulturelle Zusammenarbeit“. Damit wurde nach fast 14 Jahren eine Absichtserklärung des Grundlagenvertrags von 1972 erfüllt, die auch auf kulturellem Gebiet eine Normalisierung des Verhältnisses der beiden deutschen Staaten herbeiführen sollte. Dabei verbanden beide Regierungen eigene, zum Teil diametral gegenläufige Interessen.

          Während es der DDR in erster Linie darum ging, einen weiteren Baustein internationaler Zwischenstaatlichkeit in die Mauer zur Bundesrepublik einzusetzen, wollte die Bundesregierung durch die Betonung der gemeinschaftlichen kulturellen Basis die Idee der deutschen Kulturnation stärken als Voraussetzung einer zukünftigen Annäherung oder gar Wiedervereinigung. Vor diesem Hintergrund waren die Verhandlungen bis zum Schluss von einem tiefsitzenden gegenseitigen Misstrauen gekennzeichnet.

          Darüber hinaus wurden sie von zwei Problemen besonderer Art belastet: der Frage nach dem Status Berlins und der Frage der Rückgabe kriegsbedingt verlagerten Kulturguts, eine Formel, hinter der sich die Forderung der DDR nach Rückgabe insbesondere von Museumsgut der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verbarg, das vor dem Krieg auf dem Gebiet Ost-Berlins seinen musealen Platz hatte.

          Die Verhandlungen, im November 1973 aufgenommen, waren von Anfang an schwierig und gerieten - ohne bis dahin wirklich substantiell zu werden - sehr bald in eine Sackgasse; am 29. Oktober 1975 wurde deshalb, ohne die Gespräche formell für beendet zu erklären, einfach kein neuer Gesprächstermin vereinbart.

          Überraschend war es ausgerechnet Erich Honecker, der mitten in der aufgeheizten Atmosphäre des Herbstes 1982 eine Wiederaufnahme der Gespräche vorschlug. Und nicht zuletzt dieses Interesse an einem Kulturabkommen war es auch zu verdanken, dass - unter Ausklammerung der Berlin-Frage und des Problems der Preußenstiftung - im September 1985 der Text eines Kulturabkommens beschlossen wurde. Vor der Unterzeichnung musste dann die DDR-Regierung den sowjetischen Patron überzeugen, während die Bundesregierung sich mit den Ländern auseinandersetzen musste - schließlich ging es um Fragen der Kulturpolitik auf einem Feld, das nach bundesdeutschem Verständnis nicht wirklich außenpolitisch war. Das Abkommen wurde in der Bundesrepublik wenig euphorisch aufgenommen, für den Kommentator einer Hamburger Wochenzeitung bedeutete es eine Rahmenvereinbarung, die nicht gerade den „Stoff für Träume“ enthielt. Und Wirkung konnte das Abkommen in den noch verbleibenden vier Jahren der deutschen Teilung auch nicht entfalten.

          Sebastian Lindner zeichnet den Gang der Verhandlungen anhand der im Bundesarchiv und im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes verwahrten Akten detailliert nach. Es ist dem Charakter der Verhandlungen und dem letztlich mageren Ergebnis geschuldet, dass dieser Bericht nicht wirklich spannend sein kann. Leider beschränkt sich Lindner aber weitestgehend auf den Nachvollzug der Gespräche im Sinne einer relatio ex actis und scheut um der detailgetreuen Rekonstruktion willen auch Weitschweifigkeiten und Redundanzen nicht.

          Wesentlich interessanter als der Bericht über die eigentlichen Verhandlungen fallen daher diejenigen Passagen aus, in denen Lindner den „kulturellen Austausch ohne Abkommen“ anhand ausgewählter Beispiele beschreibt, wie etwa der Präsentation von DDR-Kunst auf der Kasseler documenta 1977 oder der westdeutschen Designausstellung in Ost-Berlin im Dezember 1984.

          Ungeachtet dieser Exkurse bleibt die Arbeit deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück, etwa hinsichtlich der Analyse der Bund-Länder-Problematik oder der Diskussionen innerhalb und zwischen den bundesdeutschen Parteien. Das findet seinen Grund nicht zuletzt in der Beschränkung auf die Bestände der genannten Archive; die Quellen der Landesarchive oder der Archive der parteinahen Stiftungen wurden leider nicht ausgewertet. Der sprachliche Stil der Arbeit gleicht über weite Strecken eher dem einer politischen Reportage als dem einer analytischen Monographie; der Lektüre kommt das bisweilen entgegen, dem Gegenstand aber wird die Sprache so nicht immer gerecht.

          Sebastian Lindner: Zwischen Öffnung und Abgrenzung. Die Geschichte des innerdeutschen Kulturabkommens 1973-1986. Ch. Links Verlag, Berlin 2015. 248 S., 35,- €.

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