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Horst Sindermann : Martyrium und Machtmissbrauch

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Chefredakteur der „Freiheit“: Horst Sindermann 1950 in Halle Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Für die Berliner Mauer prägte der SED-Funktionär Horst Sindermann 1961 das absurde Schlagwort vom „antifaschistischen Schutzwall“. Selbst in seinen unvollendeten Memoiren aus dem Jahr 1990 hielt er den Begriff noch „für richtig“.

          Er durchlebte alle Tiefen und Höhen, die das Dasein eines Kommunisten im Deutschland der beiden Diktaturen im 20. Jahrhundert bestimmen konnten: Horst Sindermann, geboren 1915 in Dresden als Sohn eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, fand schon als Gymnasiast zum Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD). Seine politische Prägung erfuhr er in seiner Heimatstadt, wo er in den zwanziger Jahren Straßenschlachten und heftige soziale Auseinandersetzungen miterlebt hat.

          Bereits im Juni 1933 wurde er verhaftet, noch nicht einmal achtzehn, und wegen illegaler Agitation zu acht Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Bautzen aufs Neue in der illegalen Parteiarbeit aktiv, kam er im März 1935 wieder in Haft. Der 1. Strafsenat des NS-Volksgerichtshofs in Berlin verurteilte ihn wegen Hoch- und Landesverrats zu sechs Jahren Zuchthaus, die er in der Strafvollzugsanstalt Waldheim verbüßte. Unmittelbar danach folgten Jahre hinter Stacheldraht als Häftling in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Mauthausen und Ebensee. Ein politisches Martyrium.

          Sindermanns traumatische Erlebnisse und fatalen Erfahrungen im KZ schildert er in seiner Autobiographie realistisch, in einer schlichten Sprache, durchaus authentisch, wenn auch ideologisch übertüncht. „Die Partei lebte auch im Konzentrationslager“, schreibt er. „Wir wussten, dass wir zusammengehörten und Kommunisten sich nicht von Resignation oder Zweifel übermannen lassen durften.“ Seine Befreiung durch amerikanische Truppen erlebte Sindermann am 6. Mai 1945. „Wenn ich etwas gelernt habe in diesem furchtbaren Leben, dann die Erkenntnis, dass man im Kampf gegen die Feinde unserer Klasse nie aufgeben darf und dass Solidarität und brüderliche Verbundenheit - Werte, die die bürgerliche Ideologie nicht kennt - hochzuhalten sind.“ Propaganda muss sein.

          Ungebrochen in seiner politischen Überzeugung, kehrte Sindermann nach Dresden heim. Als einer der „Aktivisten der ersten Stunde“ wirkte er, nun Mitglied der „Partei der Arbeiterklasse“, nicht unerheblich am Aufbau der SED-Herrschaft in der SBZ/DDR mit. Er wurde Chefredakteur führender Parteizeitungen, erst in Sachsen, dann in Sachsen-Anhalt, und von 1955 bis 1963 leitete er die Abteilung Agitation beim Zentralkomitee der Partei. Er stieg auf ins Politbüro, protegiert von Walter Ulbricht wie von Erich Honecker, und fungierte in den Jahren 1963 bis 1971 als Bezirksparteichef in Halle. Hernach übertrug ihm die Politbürokratie staatliche Ämter: als Stellvertreter des Regierungschefs in Ost-Berlin und schließlich als Vorsitzender des DDR-Ministerrats. 1976 wurde er Präsident der Volkskammer. Eine repräsentative Position ohne großen politischen Einfluss.

          Seine widerständige Haltung in der nationalsozialistischen Zeit verdient Respekt. Sein Tun und Lassen im Staat der SED ist weniger rühmlich. Seine Aufzeichnungen, die er in den späten 1980er Jahren zu Papier gebracht hat - in der Endzeit der DDR -, schließen mit der Nachkriegszeit 1945/46 ab. Sindermanns Karriere unter Ulbricht und Honecker spart seine Autobiographie also aus. Das enttäuscht. Er hätte manches zeithistorisch Interessante offenbaren können - seine Schwierigkeiten mit der Zentralen Parteikontrollkommission 1950 zum Beispiel, die ihn (zu Unrecht) des Verrats von Genossen an die Gestapo bezichtigt hatte. Er schweigt darüber.

          Das Defizit aufzuarbeiten, notgedrungen gerafft, hat Egon Krenz als Herausgeber des Buches seinem ausführlichen Vorwort vorbehalten. Der letzte Generalsekretär des ZK der SED - Nachfolger Honeckers für sieben Wochen - verklärt Sindermanns Vita allerdings, ganz im Stil des alten Regimes, natürlich, aber sein Text ist gleichwohl nicht uninteressant. Manches Kritische bringt er zur Sprache. Das politische Klima unter den Spitzengenossen im Führungszirkel der Partei etwa oder Günter Mittags Intrigen gegen Sindermann. Dessen Rolle als propagandistischer Scharfmacher verschleiert Krenz.

          Für die Berliner Mauer prägte Sindermann 1961 zum Beispiel das absurde Schlagwort vom „antifaschistischen Schutzwall“. Selbst 1990 hielt er den Begriff noch „für richtig“. Auf dem sogenannten „Kahlschlag-Plenum“ des Zentralkomitees im Dezember 1965 gerierte er sich als Verfechter einer doktrinären Kulturpolitik und drohte unbotmäßigen Schriftstellern und Poeten mit der Stasi, was den verfemten Liedermacher Wolf Biermann zu respektlosen Spottversen inspirierte: „Ach, Sindermann, du blinder Mann / Du richtest nur noch Schaden an.“

          Auf dem von Gregor Gysi auf dem Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS im Dezember 1989 erstatteten Bericht über die Arbeitsergebnisse der Untersuchungskommission des ZK zur Überprüfung von Machtmissbrauch und Korruption ehemals führender Funktionäre der Partei wurde auch Sindermann belastet. Nach seinem Ausschluss aus der Partei wurde er sogar für einige Wochen in Untersuchungshaft genommen - von DDR-Justizorganen wohlgemerkt! „Das hat ihn zutiefst erschüttert“, notiert Krenz. „Von einstigen Weggefährten eingekerkert zu werden, demütigte ihn mehr als vom politischen Feind inhaftiert zu werden.“ Am 20. April 1990 ist Sindermann verstorben.

          KARL WILHELM FRICKE

          Horst Sindermann: Vor Tageslicht. Autobiografie. Mit einem Vorwort von Egon Krenz. edition ost im Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2015. 224 S., 17,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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