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Historische Orte : Über sieben Brücken gehen?

  • -Aktualisiert am

Ein Schiff am 24. April 2017 auf der Havel vor der Glienicker Brücke Bild: ZB

Flüsse dienen dem friedlichen Austausch von Waren; Flussübergänge können aber auch entscheidende militärische Bedeutung haben. Die Vorstellungen von solchen Vorgängen wandeln sich im Laufe der Zeit, werden zu Erinnerungsorten vieler Facetten.

          Flüsse haben vielfältige Bedeutungen in der Weltgeschichte, sie trennen und verbinden – so schon Georg Simmel, wenig überraschend. Sie dienen dem friedlichen Austausch von Waren; Flussübergänge können aber auch entscheidende militärische Bedeutung haben. Die Vorstellungen von solchen Vorgängen wandeln sich im Laufe der Zeit, werden zu Erinnerungsorten vieler Facetten. Das alles macht Hans Kloft in seiner Einleitung zu zwölf Fallstudien deutlich, die einen bunten Strauß an merkwürdigen Orten und mit ihnen verbundenen Begebenheiten bündeln. Hans Koschnick, der EU-Administrator für Bosnien-Hercegovina, ließ die Brücke von Mostar wieder aufbauen – er starb 2016 und kam nicht mehr zu einem Vorwort.

          Karl Holl, Begründer der historischen Friedensforschung, konnte sich über das Erscheinen des Bandes noch freuen; er starb vor kurzem. Sein Beitrag über die Loire-Brücke von Beaugency ist eine bewegende Hommage an General Botho Elster, der dort 1944 gegen alle Befehle mit seiner Truppe ehrenvoll vor den Amerikanern kapitulierte. Um nur noch drei andere geglückte Studien zu nennen: Corinna Hauswedell zeigt anhand der Schlacht auf beiden Seiten des Flusses Boyne im Jahr 1690, der größten Schlacht auf irischem Boden, ebenso großflächig wie souverän, wie sich irische Erinnerungskultur zwischen Protestanten und Katholiken bis heute wandelte.

          „George Washington überquert den Rhein“ ist kein Druckfehler: Roger Chickering demonstriert vielmehr, wie die Überquerung des Delaware durch Washington 1776 – ein wichtiger taktischer Zug im Bürgerkrieg – Bedeutung auch durch ein Gemälde erlangte: Der schwäbische Maler und Emigrant Emanuel Gottlieb Leutze kehrte später nach Deutschland zurück und malte 1848/49 mit Anschauung des Rheins ein bewegendes Gemälde, dessen Überlieferung und Ausstellungspraxis Chickering bis in die Zeit nach 1945 nachspürt: ein Kabinettstück deutsch-amerikanischer, konfliktbehafteter Kulturbegegnung.

          Schließlich zeigt Reinhold Lütgemeier-Davin anhand der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin, wie viele reale Nutzungen und noch mehr Mythen über die „Agentenbrücke“ im Ost-West-Konflikt existierten und die reale, sauber rekonstruierte Bedeutung medial überlagerten. Die anderen Beiträge reichen von der Antike bis zur Gegenwart, bilden manchmal ein wenig zufällige Ereignisse in ihrer späteren Erinnerung nach – nicht immer überzeugend und analytisch. Insgesamt ist ein gut aufgemachter Band anzuzeigen, der sich stärker den friedenspolitisch-verbindenden als den militärisch-erobernden Aspekten von Flüssen und Flussübergängen zuwendet.

          Karl Holl/Hans Kloft (Herausgeber): Elbe, Rhein und Delaware. Flüsse und Flussübergänge als Orte der Erinnerung. Edition Lumière, Bremen 2017, 216 S., 29,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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