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Veröffentlicht: 19.06.2017, 10:31 Uhr

Historische Erklärungsmodelle Im verwunschenen Paradiesgärtchen


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Ebenso lesenswert sind die Beobachtungen zu Hans-Ulrich Wehlers „Primat der Innenpolitik“, den Michael Geyer überzeugend als zeitbezogenen Ausdruck einer „souveränen Geschichtsschreibung für eine semi-souveräne Nation“ interpretiert. Zu Recht bringt Geyer die erstaunlicherweise bislang kaum gestellte Frage auf, warum ausgerechnet Wehlers Gesellschaftsgeschichte, die sich seit den 1970er Jahren als anspruchsvoll, kosmopolitisch und innovativ verstand, im Kern „so national geblieben ist“. Tatsächlich, so Geyer, sei die Nation für Wehler stets „der Fluchtpunkt der Gesellschaftsgeschichte“ gewesen, was man „historiographisch“ durchaus als einen „Schritt zurück hinter die Positionen von Hans Rothfels einerseits und Theodor Schieder andererseits“ betrachten dürfe. Anders formuliert: In seiner Orientierung an der eigenen Nation sei Wehler „intellektuell im Kaiserreich und in der Weimarer Republik stecken geblieben“. Und wer diesen Satz liest, weiß, dass die Schlussfolgerungen, die sich aus Geyers Bewertungen – einem friendly fire gleich – ergeben, die Forschung noch längere Zeit beschäftigen werden.

Die Richtung, in die sich eine kulturgeschichtlich konzipierte Zeitgeschichte bewegen könnte, wird schließlich in zwei Beiträgen prägnant erkennbar. So untersucht Thomas Lindenberger unter dem Stichwort „Havarie“ die Auswirkungen und Verarbeitungen einer tödlichen Kesselexplosion im Kraftwerk II des VEB Braunkohlekombinats Espenhain im Juli 1959, die unter den „Werktätigen“, einem Stasi-Bericht zufolge, als eine „automatische Feindtätigkeit im Rahmen des verschärften Klassenkampfes“ gedeutet wurde. Dorothee Wierling wiederum nimmt den Besuch der amerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis 1972 in Ost-Berlin zum Ausgangspunkt für eine anschauliche Fallstudie zur politischen Jugendkultur der DDR in den frühen 1970er Jahren. Eindrucksvoll beschreibt Wierling, gekonnt aus den Quellen schöpfend, wie der Besuch von Angela Davis, die von ihrem Doktorvater Herbert Marcuse ebenso knapp wie treffend als „schwarz, militant, Kommunistin und hübsch“ skizziert wurde, von weiten Teilen der DDR-Jugend als Erscheinung, als Epiphanie im wahrsten Sinne des Wortes, wahrgenommen wurde. Wie das umschwärmte Idol eines Fidel Castro, der der DDR anlässlich seines Staatsbesuchs eine kleine Insel südlich von Kuba schenkte, wirkte auch Angela Davis an der Aufrechterhaltung einer romantischen Utopie des menschenfreundlichen Sozialismus mit, wie sie Christa Wolf nicht schöner und ernster hätte erfinden können.

Das Epochenjahr 1989, in dem diese Utopie unter den Trümmern der Berliner Mauer verschüttet wurde, wird in diesem Sammelband insgesamt als „Durchgangsstation“ eines „Umbruchs von der klassischen zur nachklassischen Moderne“ präsentiert, der bereits in den 1970er Jahren eingesetzt habe. Die Konturen dieser neuen Moderne bleiben allerdings verschwommen. Sie komme, so formulieren es die Herausgeber ebenso vage wie vorsichtig, nicht zuletzt „in der Ablösung alter Leitformeln der politisch-kulturellen Verständigung wie Nation, Klasse, Ordnung und Fortschritt durch neue Paradigmata wie Zivilgesellschaft, Subjektivität und Pluralität zum Ausdruck“. Das klingt verständig, provoziert aber Nachfragen: Was, wenn wir die Wirklichkeit auch deshalb für so komplex halten, weil uns die passenden Erklärungskategorien noch nicht (oder: nicht mehr) zur Verfügung stehen? Was, wenn sich Nation, Klasse und Staat am Ende doch als beharrlicher erweisen, als es manchem lieb ist? Der Brexit wäre dann womöglich das Menetekel an der Wand. Totgesagte leben länger – und der Zeithistoriker sollte buchstäblich auf alles gefasst sein.

Thomas Lindenberger, Martin Sabrow (Herausgeber): German Zeitgeschichte. Konturen eines Forschungsfeldes. Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 312 S., 34,90 €.

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Quelle: wahlrecht.de
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