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Helmut Kohl : Mit Fortune und Gottes Hilfe

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Bild: Barbara Klemm

Die Widersprüche in Helmut Kohls Leben arbeitet der Berliner Journalist und Zeithistoriker Ralf Georg Reuth gekonnt heraus: Prinzipientreu hielt der Bundeskanzler – trotz der Zusammenarbeit mit dem Unrechtsstaat DDR – am Ziel der Wiedervereinigung fest.

          Schon lange vor seinem Tod begann der Streit um Helmut Kohls Charakterbild und die „richtige Deutung“ seines Lebenswerkes. Momentan überwiegt die Ambivalenz. Im Ausland als Kanzler der deutschen Einheit und großer Europäer gefeiert, scheiden sich hierzulande an ihm die Geister. Kohl gehört zu den historischen Figuren, an der sich jeder reiben kann. Der Journalist und Historiker Ralf Georg Reuth entwirft ein meist wohlwollendes Porträt des Machtmenschen aus der Pfalz, will gängige Vorurteile über Kohl zurechtrücken und kommt zu einigen markanten Folgerungen. Wer die politische Biographie Kohls kennt, wird allerdings kaum Neues entdecken. Die benutzten Quellen sind weitgehend bekannt. Und dennoch macht der Facettenschliff der Widersprüche den Reiz dieser „Annäherung“ an den „Riesen“ aus.

          Erzogen im katholischen Glauben in einem NS-kritischen Elternhaus, in der Jugend geprägt von einem föderal denkenden Priester, entwickelt sich Kohls demokratisches Geschichtsbild. Er galt als Modernisierer, besaß einen klaren Blick für Realitäten und dachte in historischen Dimensionen. Doch sei er weder ein Wertkonservativer noch ein Moderner gewesen, betont Reuth. Ein emotionaler Mensch und Alphatier, das von seinen Gefolgsleuten unbedingte Loyalität verlangte, für die Partei wie ein Vater sorgte, aber auch Eiseskälte zeigen konnte.

          Filigrane Netzwerke bis zur Parteibasis garantierten ihm Wissensvorsprung und stärkten seine Position. Dieser Prototyp eines Alleinherrschers machte aus der Honoratiorenpartei CDU in den 1970-er Jahren eine fortschrittliche Volkspartei, spielte virtuos auf der Klaviatur, Menschen für sich zu vereinnahmen, letztlich ebenso Hans-Dietrich Genscher, den er für den Machterwerb brauchte. Reuth übernimmt Vorwürfe von Kohls Sohn Walter, der nach dem Zerwürfnis den Vater als Clanchef der Partei, einem Feudalherrn gleich, sieht, der sich Abhängigkeiten schuf.

          Daneben erscheint Kohls Leidenschaft und Augenmaß, fähig, Geduld zu üben, die ihm oft als Führungsschwäche und Aussitzen der Probleme ausgelegt wurden. Nur wenige hätten erkannt, dass diese Form der Polarisierung aus Kalkül geschah, Entscheidungen reifen zu lassen und sich dann festzulegen. Solches Verhalten bescherte ihm das Prädikat eines „mittelmäßigen Kanzlers“, ohne gesellschaftspolitische Visionen im Amt, dessen Reformen der Haushaltskonsolidierung, Konjunkturbefeuerung und Unternehmensentlastungen sich „nie zu einem Ganzen“ fügten. Von geistig-moralischer Wende gar nicht zu reden.

          Prinzipientreu hielt er, trotz Zusammenarbeit mit dem Unrechtsstaat DDR, am Ziel der Wiedervereinigung fest. Nach dem 9. November 1989 sei Kohl im Sinne Machiavellis Fortune und Gottes Hilfe zuteilgeworden. Er nutzte beides und schrieb Geschichte. Weniger die friedliche Revolution als vielmehr der wirtschaftliche Kollaps der Sowjetunion, meinte Kohl später, hätte den Mauerfall bewirkt. Dem demokratischen Mythos entsprach es besser, kritisiert Reuth, eine unblutige Revolution zum Ausgangspunkt der nationalen Einheit zu stilisieren als der gescheiterte Versuch Moskaus, die DDR auf Reformkurs zu bringen. Das bestätigte Kohls Bild vom Arbeiter-und-Bauern-Staat, der mit Wegfall des Klassengegensatzes zur Bundesrepublik seine Existenzberechtigung verlor. Ohne das Vertrauen von Ronald Reagan und George Bush senior wäre ihm die Wiedervereinigung nicht gelungen. Gegner fanden sich bei SPD und unter Intellektuellen. Gerhard Zwerenz, Robert Jungk und Dorothee Sölle wollten nicht wiedervereinigt werden, was heute oft verschwiegen wird.

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