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Syrien : Kämpfe, Folterungen, Flüchtlingsströme

  • -Aktualisiert am

Aleppo am 21. April 2014 Bild: AP

Kristin Helberg und Janine di Giovanni schildern Ursprünge und Folgen der Machtkämpfe in Syrien sowie das Leiden der Zivilbevölkerung; die Lektüre eignet sich nicht für Zartbesaitete.

          Wer weiß, wie viele Journalisten in den fünf Jahren, die der syrische Krieg nun schon dauert, getötet worden sind, kann Janine di Giovanni nur bewundern. Viele Male hat diese Kriegsberichterstatterin für „Newsweek“ und andere Magazine und Zeitungen den Schauplatz besucht - oft unter größter Lebensgefahr. Nun sind etliche ihrer Reportagen in Buchform auf Deutsch erschienen. Sie stammen vornehmlich aus dem Jahre 2012, als der Bürgerkrieg - aus Demonstrationen für Demokratie und Freiheit in der südsyrischen Stadt Deraa im Jahre 2011 entstanden - zu mörderischer Gewalt zu eskalieren begann. Das Buch entstand 2015, als das Leiden der Zivilbevölkerung bereits unbeschreiblich war, die ersten Flüchtlingswellen Syrien in Richtung Libanon, Jordanien und Türkei längst verlassen hatten und Hundertausende auf abenteuerlichen, oft lebensgefährlichen Wegen in Europa, insbesondere Deutschland Schutz suchten.

          Die Reportagen lesen sich auf dem Hintergrund der Tatsache, dass gegenwärtig zehn oder gar mehr Millionen Syrer (von 25 Millionen) als Flüchtlinge bezeichnet werden müssen und wenigstens 300 000 Menschen getötet wurden, als ein einziger Aufschrei und Protest gegen die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft, diesen Konflikt zu beenden; aber auch als Klage darüber, was Menschen anderen Menschen antun können. Die Lektüre ist nichts für Zartbesaitete, wer zu Albträumen neigt, sollte das Buch besser nicht lesen oder die betreffenden Passagen überschlagen. Die Autorin schreibt, fußend auf zahlreichen Augenzeugenberichten, über Folterpraktiken, mit denen verglichen die klassische, im Orient seit Jahrhunderten angewandte Bastonade als harmlos bezeichnet werden muss.

          Dabei sind ihre Angaben einem Höchstmaß an journalistischer Seriosität geschuldet, immer prüft sie, soweit dies möglich ist, ob die Angaben von Folteropfern der Syrischen Armee, also dem Regime von Baschar al Assad, aber auch den Rebellen und der Freien Syrischen Armee (FSA) der Wahrheit entsprechen oder nicht. Wo Zweifel angebracht sein mögen, benennt sie dies. Informationen über sexuelle Gewalt gegen Frauen liegen ihr besonders am Herzen. Schon vor zwanzig Jahren hatte sie über Folter, Entführungen und brutale Massaker aus Bosnien zu berichten, die manche Ähnlichkeit mit den blutigen Ereignissen in Syrien aufweisen, wie auch die Tschetschenien-Kriege, über die sie ebenfalls schrieb.

          Die Autorin berichtet aus der Hauptstadt Damaskus, aus Latakia (dem Zentrum der schiitischen Alawiten, die das Assad-Regime tragen), Maalula, jenem Ort, in dem die christliche Bevölkerung noch eine Spätform des Aramäischen, der Muttersprache Jesu, spricht, aus Homs, einem besonders umkämpften Zentrum der Rebellen, aus Daraja nur wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt, wo ein blutiges Massaker zur Eskalation des Bürgerkriegs beitrug, abermals aus Homs und schließlich aus Aleppo, dessen Altstadt im Dezember 2012 schon weitgehend zerstört war und in unseren Tagen ein Zentrum schwerster Kämpfe ist. Sie begleitet Soldaten und spricht mit Kämpfern der Opposition, Offizieren des Regimes, Zivilisten aller Konfessionen, Sunniten wie Alawiten, die in diesen Religionskrieg verstrickt sind, ehemaligen syrischen Kulturgrößen, doch auch mit der traumatisierten Bevölkerung, Müttern und Vätern, mit Ärzten und Mitgliedern von Hilfsorganisationen.

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