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Krise des Westens : Er schreibt und schreibt und schreibt

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Bild: dpa

Heinrich August Winkler erkennt die durch den Brexit und durch Donald Trump verschärfte Krise des Westens, nicht jedoch deren Ursachen.

          Zerbricht der Westen? Die Frage zu stellen heißt von der Existenz des Westens auszugehen. Das tut Heinrich August Winkler, längst emeritierter Ordinarius an der Berliner Humboldt-Universität und einer der fleißigsten deutschen Historiker seiner Generation. In vier Bänden mit insgesamt gut viereinhalbtausend Seiten hat er zuletzt die „Geschichte des Westens“ von den „Anfängen in der Antike“ bis zur Gegenwart aufgeschrieben. Wer wie er den Westen als Wertegemeinschaft begreift, wer Menschenrechte und Demokratie als das einigende Band dieser Gemeinschaft identifiziert, den müssen die Zeichen der Zeit beunruhigen. Deshalb hat er abermals zur Feder gegriffen. Das Buch knüpft an den letzten Band seiner Geschichte der westlichen Welt an, der die Entwicklung bis zur Ukraine-Krise des Jahres 2014 behandelt, und das heißt: Auf 500 Seiten, Rückblicke inklusive, werden jetzt die drei seither vergangenen Jahre Schritt für Schritt abgegangen.

          Im Grunde handelt es sich um ein Itinerar, das die Entwicklung der Staaten und ihrer Gemeinschaften Woche für Woche, mitunter auch Tag für Tag verzeichnet und den Leser so zuverlässig durch das Dickicht der nationalen und internationalen Verwerfungen der vergangenen Monate führt. Alleine die jedes Detail ausleuchtende Rekonstruktion des Brexit nimmt 50 Seiten in Anspruch. Das macht die Lektüre mitunter mühsam, zumal der Autor auf einen durchgängigen analytischen Zugriff verzichtet. Andererseits gibt es so gut wie keine Weichenstellung der vergangenen Jahre, über die sich nicht streiten ließe. So gesehen, lädt Winkler – das ist eine Stärke seines Buches – ständig zum Widerspruch ein. So zum Beispiel mit seiner Antwort auf die Frage: „Was folgt aus dem Brexit?“ Bedeutet das Ergebnis des britischen Referendums wirklich eine „tiefe Zäsur“, gar eine „Erschütterung“? Tatsächlich kann die EU auch ohne ein Land auskommen, das der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft erst nicht beitreten wollte, dann nicht beitreten durfte und schließlich seit der Aufnahme 1973 wie kein zweites Mitglied auf Sonderkonditionen und Ausnahmeregelungen bestanden hat. Schwerer wiegt, dass eine Mehrzahl der Briten offensichtlich der Überzeugung ist, internationale Krisen wie die unkontrollierte Migration ließen sich im Alleingang lösen.

          Diese Auffassung teilen auch Amerikas republikanischer Präsident und mit ihm etwa die Hälfte seiner Landsleute, die im November 2016 zur Wahl gegangen sind. Für Winkler ist der „Bruch“, den Donald Trump schon bei seiner Amtseinführung mit der bisherigen Politik der Vereinigten Staaten vollzog, „radikal“. Insoweit der Präsident „kein Wort zu den unveräußerlichen Menschenrechten“ oder auch zu den Verbündeten verlor, kann man dem Autor darin gewiss folgen. Aber gilt das auch für Winklers Einschätzung, Trumps Devise „America First“ sei „eine Absage an die universellen Werte, in deren Zeichen die Vereinigten Staaten 1776 gegründet wurden“?

          „America First“ war die Maxime sämtlicher amerikanischer Präsidenten, gerade auch nach 1945. Keiner von ihnen ließ einen Zweifel daran, dass die Interessen des eigenen Landes Vorrang vor denen aller anderen Länder haben müssen, diejenigen der Verbündeten, Partner und Freunde eingeschlossen. Tatsächlich gibt es kein vernünftiges Argument, warum ein Staats- und Regierungschef die Interessen seines Landes nicht als vorrangig definieren sollte. Er oder sie muss das sogar tun. Denn den „Nutzen“ des eigenen Landes zu „mehren“ – so die deutsche Eidesformel – ist der ausdrückliche Auf-trag auch eines Bundeskanzlers.

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