13.11.2011 · Oft unterschätzt: die Bedeutung von Heimatbüchern für das kollektive Gedächtnis breiter Bevölkerungskreise.
Von Winfried HalderDas, was viele gerne lesen, sehen oder hören, stößt bei der hehren Wissenschaft nicht selten auf Misstrauen - wenn es denn überhaupt Interesse findet. Freilich überwinden auch die Angehörigen der akademischen Elite zuweilen ihre Vorurteile zu Gegenständen, die vermeintlich unter ihrem Niveau sind, und stellen überrascht fest, dass die Auseinandersetzung damit durchaus erhellend sein kann. So geschehen zum Beispiel, als die Literaturwissenschaft Johannes Mario Simmel oder Heinz G. Konsalik entdeckte. Seit dem Erscheinen des vorliegenden Bandes kann auch die Historikerzunft zu einer derartigen Einsicht gelangen.
Mathias Beer weist in seiner instruktiven Einleitung auf ein Paradoxon hin: Heimatbücher sind einerseits ungemein weit verbreitet - er meint wohl nicht zu Unrecht, dass mindestens ein solches Werk wahrscheinlich im Buchregal „fast jedes Haushalts“ anzutreffen sei. Andererseits ist diese Art von Publikationen bislang von der Geschichtswissenschaft und der Volkskunde weitestgehend ignoriert worden. Es existiert nicht einmal eine eindeutige lexikographische Definition. Mit „Heimatbuch“ gemeint sind Ortsgeschichten, die sich mit der historischen Entwicklung von einzelnen, nicht selten sehr kleinen Kommunen oder eng begrenzten Regionen beschäftigen. Obwohl derartige Publikationen seit dem späten 19. Jahrhundert in Hülle und Fülle geschrieben, gedruckt und eben auch gekauft und gelesen wurden, fanden sie von wissenschaftlicher Seite bis in die jüngste Zeit hinein allenfalls sporadisch Beachtung. Denn ihnen haftete der Ruch des Amateurhaften an; ihre Autoren, die Lehrer, Pfarrer und sonstigen, meist selbst berufenen „Ortschronisten“ wurden, allem Eifer und aller Akribie ihrer Arbeit zum Trotz, nicht für voll genommen, „Hobbyhistoriker“ eben.
Beer und seine 14 Mitautorinnen und Mitautoren geht es nicht etwa darum, methodische Mängel und theoretische Defizite der landläufigen Heimatbücher in Abrede zu stellen. Es gelingt ihnen aber zu zeigen, dass die serielle Untersuchung von Heimatbüchern ertragreich ist, und zwar nicht, um zahllose lokale Details aneinanderzureihen, sondern um diese Buchklasse konsequent als mentalitätsgeschichtliche Quelle zu nutzen. Derartige Analysen untermauern nämlich die Erkenntnis, dass das von Fachwissenschaftlern erarbeitete und in der öffentlichen Erinnerungspolitik manifest werdende, gewissermaßen „offizielle“ Geschichtsbild und der Inhalt des „kollektiven Gedächtnisses“ breiter Bevölkerungsteile - vorsichtig gesprochen - keineswegs in jeder Beziehung identisch sind. Sie zeigen vielmehr, dass es hier signifikante Unterschiede vor allem im Bereich der Zeitgeschichte, also nach der berühmten Definition von Hans Rothfels hinsichtlich der Geschichte der „Epoche der Mitlebenden“ gibt.
Gerade weil die Autoren von Heimatbüchern zumeist keine „zünftigen“ Historiker sind, weil sie also nicht in die jeweiligen Konjunkturen des akademischen Diskurses eingebunden waren oder sind, spiegeln ihre Arbeiten in besonderer Weise ein Geschichtsverständnis „von unten“ wider. Heimatbücher konzentrieren sich naturgemäß auf die lokale Perspektive und haben nicht den Ehrgeiz, nationale, transnationale, wirtschafts- und sozialgeschichtliche oder sonst irgendwelche übergreifenden historischen Erklärungsmuster liefern zu wollen. Da sie aber, wie der Band gewiss richtig unterstellt, eine „besonders verbreitete Form der Aneignung von Geschichte“ darstellen, da sie die Erwartungshaltung eines Publikums befriedigen, das bewusst oder unbewusst die identitätsstiftende Funktion der Lokalgeschichte (“Wir hier in xy-hausen, seit Jahrhunderten sind wir da!“) sucht und das gar nicht die komplexen und niemals abschließend beantworteten Fragen der „großen Historie“ stellen mag, deswegen sind Heimatbücher, gemessen an ihrer Verbreitung, erfolgreicher als praktisch das ganze akademische Schrifttum.
Zu einem bezeichnenden Befund gelangt Wilfried Setzler, der die „NS-Zeit im Heimatbuch“ exemplarisch untersucht hat. Unbeschadet nämlich der Tatsache, dass die Geschichtswissenschaft mittlerweile ganze Bibliotheken mit Untersuchungen zur Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur angefüllt hat, blieben die Jahre von 1933 bis 1945 in Heimatbüchern lange Zeit ganz oder weitgehend ausgeblendet. Im Vordergrund der Darstellung hier stehen, wenn überhaupt, die unmittelbaren Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges vor Ort, der als ein mehr oder weniger grundlos über die „Heimat“ hereingebrochenes „Unglück“ erscheint. Dies korrespondiert sehr gut mit Zeitzeugenbefragungen: In der individuellen, von geschichtswissenschaftlicher Formatierung unverbauten Erinnerung der „Normalverbraucher“ stehen etwa der Bombenkrieg und die (Nachkriegs-)Misere der Mangelversorgung im Vordergrund - bei nahezu vollständiger „Abwesenheit“ von Politik, gleichviel ob vor oder nach 1945.
Die bislang unterentwickelte Forschung zu den Heimatbüchern hat mit dem vorliegenden Buch einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht. Es ist zu hoffen, dass davon Impulse für weitere Untersuchungen ausgehen. Ein lesenswerter Band, nicht nur, aber auch für „professionelle“ Historiker.
Mathias Beer (Herausgeber): Das Heimatbuch. Geschichte, Methodik, Wirkung. V & R Unipress Verlag, Göttingen 2010. 342 Seiten, 39,90 €.