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Haus und Land Hessen : Alte Familie

Das „Schlosshotel Kronberg“ Bild: dpa

Rainer von Hessen erzählt in einem reichillustrierten Bändchen die Geschichte seiner Familie, deren Erbe heute von der Kulturstiftung des Hauses Hessen und der Hessischen Hausstiftung betreut wird. Gerade bei Herrscherfamilien ist der Nachweis der Abstammung entscheidend: Je oller, desto doller.

          Das Bundesland Hessen ist 70 geworden. Doch die Familie dieses Namens ist wesentlich älter. Rainer von Hessen erzählt in einem reichillustrierten Bändchen die Geschichte seiner Familie, deren Erbe heute von der Kulturstiftung des Hauses Hessen und der Hessischen Hausstiftung betreut wird. Gerade bei Herrscherfamilien ist der Nachweis der Abstammung entscheidend: Je oller, desto doller – oder in Hessens Worten: „Je älter und hochrangiger der Ursprung, desto besser begründet schien die Herrschaft.“ Entfaltet wird das ganze Panorama der Landgrafen in ihrer Zeit, von bildungspolitischen Anstrengungen Philipps des Großmütigen, der Schulunterricht für alle Kinder einführte, bis zum Jugendstilzentrum des letzten Großherzogs von Hessen auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Natürlich ist der Autor als Familienangehöriger und Vorstandsmitglied der Hessischen Hausstiftung befangen, gleichwohl schildert er schonungslos die Verstrickungen seiner Vorfahren unter nationalsozialistischer Herrschaft. Es habe ein „naives Potential“ gegeben, das ein Demagoge wie Hitler „leicht missbrauchen konnte.“ Wie viele andere Standesgenossen auch hätten Hessens die antisemitische Hetze stillschweigend hingenommen, sich aber auch über Ausschreitungen entsetzt gezeigt – und nach dem Zweiten Weltkrieg dann behauptet, vom Holocaust nichts gewusst zu haben.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Philipp von Hessen und Mafalda von Savoyen wurden von Mussolini persönlich getraut. Er war von Hitler „außerordentlich beeindruckt“. Bis zur Machtübernahme traten 80 Angehörige ehedem fürstlicher Familien, einschließlich der vier Hessen-Brüder, in die NSDAP ein, 1941 waren es 270. Die „beinahe freundschaftliche Beziehung“ zu Hitler endete allerdings, als Philipp zum Frieden drängte, für den Hessen-Prinzen zunächst im KZ Flossenbürg, für seine Frau in Buchenwald, wo sie nach einem alliierten Luftangriff umkam. Heute steht das „Haus“ Hessen wieder gut da. Um das Vermögen nicht an die Erbschaftssteuer zu verlieren, wurde die Kulturstiftung gegründet. Die Beziehungen in die Politik hinein sind ordentlich, das ist auch nötig, um den „historischen Zusammenhang“ zwischen Land und Familie „für jeden erlebbar“ zu machen, wie es am Ende des Buches heißt.

          Die Hessens. Geschichte einer europäischen Familie, erzählt von Rainer von Hessen. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 144 S., 19,80 €.

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