http://www.faz.net/-gpf-8x75d

Haus und Land Hessen : Alte Familie

Das „Schlosshotel Kronberg“ Bild: dpa

Rainer von Hessen erzählt in einem reichillustrierten Bändchen die Geschichte seiner Familie, deren Erbe heute von der Kulturstiftung des Hauses Hessen und der Hessischen Hausstiftung betreut wird. Gerade bei Herrscherfamilien ist der Nachweis der Abstammung entscheidend: Je oller, desto doller.

          Das Bundesland Hessen ist 70 geworden. Doch die Familie dieses Namens ist wesentlich älter. Rainer von Hessen erzählt in einem reichillustrierten Bändchen die Geschichte seiner Familie, deren Erbe heute von der Kulturstiftung des Hauses Hessen und der Hessischen Hausstiftung betreut wird. Gerade bei Herrscherfamilien ist der Nachweis der Abstammung entscheidend: Je oller, desto doller – oder in Hessens Worten: „Je älter und hochrangiger der Ursprung, desto besser begründet schien die Herrschaft.“ Entfaltet wird das ganze Panorama der Landgrafen in ihrer Zeit, von bildungspolitischen Anstrengungen Philipps des Großmütigen, der Schulunterricht für alle Kinder einführte, bis zum Jugendstilzentrum des letzten Großherzogs von Hessen auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Natürlich ist der Autor als Familienangehöriger und Vorstandsmitglied der Hessischen Hausstiftung befangen, gleichwohl schildert er schonungslos die Verstrickungen seiner Vorfahren unter nationalsozialistischer Herrschaft. Es habe ein „naives Potential“ gegeben, das ein Demagoge wie Hitler „leicht missbrauchen konnte.“ Wie viele andere Standesgenossen auch hätten Hessens die antisemitische Hetze stillschweigend hingenommen, sich aber auch über Ausschreitungen entsetzt gezeigt – und nach dem Zweiten Weltkrieg dann behauptet, vom Holocaust nichts gewusst zu haben.

          Reinhard Müller

          In der politischen Redaktion verantwortlich für „Zeitgeschehen“ und für „Staat und Recht“.

          Philipp von Hessen und Mafalda von Savoyen wurden von Mussolini persönlich getraut. Er war von Hitler „außerordentlich beeindruckt“. Bis zur Machtübernahme traten 80 Angehörige ehedem fürstlicher Familien, einschließlich der vier Hessen-Brüder, in die NSDAP ein, 1941 waren es 270. Die „beinahe freundschaftliche Beziehung“ zu Hitler endete allerdings, als Philipp zum Frieden drängte, für den Hessen-Prinzen zunächst im KZ Flossenbürg, für seine Frau in Buchenwald, wo sie nach einem alliierten Luftangriff umkam. Heute steht das „Haus“ Hessen wieder gut da. Um das Vermögen nicht an die Erbschaftssteuer zu verlieren, wurde die Kulturstiftung gegründet. Die Beziehungen in die Politik hinein sind ordentlich, das ist auch nötig, um den „historischen Zusammenhang“ zwischen Land und Familie „für jeden erlebbar“ zu machen, wie es am Ende des Buches heißt.

          Die Hessens. Geschichte einer europäischen Familie, erzählt von Rainer von Hessen. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 144 S., 19,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?

          Streamingdienst : So analysiert Netflix seine Nutzer

          Die Online-Videothek gibt Milliarden für Eigenproduktionen wie „Stranger Things“ aus. Deshalb wird der Erfolg dieser Serien minutiös geplant. Und der Geschmack der Zuschauer ganz genau durchleuchtet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.