29.11.2011 · In seinem Interview-Buch spricht der einstige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg über die Brille, die Badewanne und seine „beschissene“ Doktorarbeit.
Von Eckart LohseWer dieses Buch nicht in Gänze lesen mag, dem seien die beiden entscheidenden Stellen gleich genannt. Es ist die mit der Brille und die mit der Badewanne. Auf gut 200 Seiten unterhält sich der einstige Verteidigungsminister und Liebling vieler Deutscher, Karl-Theodor zu Guttenberg, mit dem Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, Giovanni di Lorenzo, und schildert dabei unter anderem, warum er keine Brille mehr trägt.
Eine „reizende indische Ärztin in den USA“ habe festgestellt, dass er, Guttenberg, ohne Brille „vollkommen ausreichend“ sehen könne. Nur beim Autofahren trage er noch eine Brille, da es dabei besser sei, wenn man „mit dem linken Auge etwas mehr sieht als nur schwarze Klumpen, die einen überholen“. Etwas weiter hinten erklärt er, warum es völlig normal sei, dass der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer auf dem jüngsten CSU-Parteitag nicht einmal seinen Namen erwähnt habe: „Wenn man nicht mehr in der gleichen Badewanne plantscht, wird das Wasser schnell kühler.“
Wieso diese beiden Passagen so wichtig sind? Weil sie dokumentieren, dass Guttenberg neun Monate nach seinem Rücktritt völlig unverändert und nach wie vor bereit ist, unter Missachtung aller Logik Dinge in einen Zusammenhang zu pressen, der für den Normalmenschen beim besten Willen nicht zu erkennen ist. Oder kann irgendjemand erklären, warum man eine „reizende indische Ärztin“ braucht, um zu merken, dass man tadellos sieht? Und wie es - zweitens - sein kann, dass ein Mensch, der liest, schreibt, Vorträge hält, sich in der Welt bewegt, mühelos überall ohne Brille auskommt, beim Autofahren aber andere Fahrzeuge nur als schwarze Klumpen wahrnimmt?
Das können nur höhere Wesen begreifen, ebenso wie die Logik der Behauptung, dass das Wasser schneller abkühle, wenn zwei Menschen nicht mehr in derselben Wanne planschten. Man könnte es auch so sagen: Karl-Theodor zu Guttenberg hat von seiner Fähigkeit, Unsinn zu erzählen, nichts eingebüßt.
Besonders deutlich wird das im ersten Kapitel des Gesprächsbandes, in dem es um Guttenbergs Doktorarbeit geht. Wieder und wieder betont der ehemalige Minister, dass er zwar einen großen Fehler gemacht und eine (so wörtlich) „beschissene“ Doktorarbeit abgeliefert habe. Er bestreitet auch nicht, dass er abgeschrieben hat, beharrt aber darauf, dieses nicht absichtlich getan zu haben: „Weil es ein Unterschied ist, ob man das absichtlich macht, oder ob das Abschreiben das fatale Ergebnis einer chaotischen und ungeordneten Arbeitsweise ist. Das ist für mich ganz wichtig, weil es auch etwas mit der eigenen Ehre zu tun hat.“
Wo die Ehre ist, kann die aristokratische Erziehung nicht weit sein. Einmal umblättern: „Aber wenn ich wüsste, dass ich das absichtlich gemacht hätte, würde ich dazu stehen. So bin ich auch erzogen worden.“
Guttenbergs Gesprächspartner di Lorenzo lässt es zu, dass sich die Debatte über die Doktorarbeit über dreißig Seiten erstreckt, ohne dass etwas Neues dabei herauskommt. Damit wird für den Leser des Buches der Eindruck erweckt, im Grunde gehe es bei der Beurteilung des ehemaligen Ministers vor allem um dessen Fehlverhalten beim Abfassen seiner Dissertation, das ja - wenn man ihm glaubt - nicht einmal ein Fehlverhalten, sondern eine ohne eigenes Zutun entstandene Verirrung, eine Art Schicksalsschlag wegen Überforderung war.
Für Guttenberg und seine Fans ist das eine ideale Vorlage. Von den eigentlichen Problemen, also Guttenbergs Unfähigkeit und Unwillen, sich den Regeln normalen Regierungshandelns zu unterwerfen, der Masche, sich immer gegen die etablierte Politik zu stellen und diese nebst ihren Protagonisten als Mittelmaß hinzustellen, wird abgelenkt. Einen Fehler, so mögen Guttenbergs Anhänger argumentieren, müsse man doch wohl verzeihen können. Noch dazu bei einem so begabten Politiker.
Dass es sich um einen solchen handelt, erfährt der Leser gleich zu Beginn des Buches vom Interviewer di Lorenzo. Der sagt über das Gespräch: „Es ist aber auch das Zeugnis eines Mannes, der zu den größten politischen Talenten in Deutschland zählt und der nie aufgehört hat, ein homo politicus zu sein.“ Auf dem Höhepunkt der Plagiatsaffäre hatte sich di Lorenzo in einem Leitartikel dafür ausgesprochen, dass Guttenberg sein Amt behalten solle.
Doch auch in diesem Gespräch zeigt Guttenberg unfreiwillig, warum er als politische Führungsfigur ungeeignet ist. Nicht weil er seine Partei beschimpft und sich über den mehr oder weniger kompletten Rest der politischen Elite im In- und Ausland erhebt. Vielmehr findet sich das entscheidende Argument in den ausführlichen Erklärungen, mit denen er versucht zu belegen, dass er bei der Erstellung seiner Doktorarbeit nicht absichtlich abgeschrieben habe. So minutiös beschreibt er sein chaotisches Vorgehen - er will mit „mindestens 80“ Datenträgern gearbeitet haben -, so wortreich seine Überforderung mit einer Aufgabe (Bundestagsmandat, Doktorarbeit, Familie), die doch so oder ähnlich zahllose Menschen bewältigen, dass einem angst und bange wird bei dem Gedanken, dieser Mann könnte noch einmal die Geschicke Deutschlands lenken, und sei es nur durch die Mitarbeit an Gesetzen.
Vorerst gescheitert. Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo, 208 Seiten, Herder-Verlag 2011, € 19,99.
Guttenberg lebt in seiner eigenen Welt
K L (Danyl)
- 01.12.2011, 10:30 Uhr
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Eckart Lohse Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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