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Gunter Hofmann: Willy Brandt und Helmut Schmidt Befragtes Ungesagtes

Das Verhältnis zwischen Willy Brandt und Helmut Schmidt zeichnete sich selten durch Harmonie aus. Sie sollen sich in der SPD immerhin gut ergänzt haben, meint Gunter Hofmann.

© dpa Vergrößern Plakate zur Wahl zum Europa-Parlament im Mai 1979

Mit Nostalgie blicken viele Sozialdemokraten zurück auf die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, auf das „sozialdemokratische Jahrzehnt“. Die beiden SPD-Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt sind in unterschiedlicher Weise die Referenzpersonen der Partei geworden und genießen darüber hinaus in der deutschen Öffentlichkeit größtes Ansehen. Die Präferenzen sind unterschiedlich und wechseln bisweilen. So bekannte der dritte sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik, Gerhard Schröder, dass er in seiner politischen Laufbahn manchmal „Brandtianer“ und manchmal „Schmidtianer“ gewesen sei.

Die Literatur über die Regierungszeit Brandts und Schmidts ist wahrlich umfassend, und beiden Kanzlern sind große politische Biographien gewidmet worden. Selbstverständlich wird dort auch das Verhältnis zwischen ihnen behandelt. Jetzt wird es ausdrücklich zum Studienobjekt gemacht - im Vergleich zwischen den „Unvergleichlichen“ (so die Überschrift des Schlusskapitels). Der langjährige „Zeit“-Chefkorrespondent hat die Geschichte spannend in Szene gesetzt. Sie beginnt mit dem „letzten Bild“, dem Kölner SPD-Parteitag im November 1983, als der ein Jahr zuvor abgewählte Kanzler Schmidt für seine Position in der Nachrüstungsfrage gerade mal dreizehn Unterstützer findet und die übergroße Mehrheit Brandt folgt - und als dann beide wort- und grußlos von dannen gehen. Gunter Hofmann hat gewiss recht, wenn er schreibt, dass dieses „letzte, dramatische Bild ein endgültiges Zerwürfnis - und die nackte Wahrheit“ zu enthüllen schien und so haftenblieb. Sein Buch will die Geschichte neu und zu Ende erzählen. Es handelt - so der Autor - „vom Ungesagten zwischen den beiden“.

In fünf großen Kapiteln wird die „schwierige Freundschaft“ etappenweise nachgezeichnet (mit einem exkursartigen Einschub über die „Briefpartner“). Die unterschiedliche Herkunft, die konträren Lebensverhältnisse und Erfahrungen in der Jugendzeit und im frühen Mannesalter werden ausführlich geschildert, denn in dieser Verschiedenheit der Lebenswelten sieht der Autor (wie er am Schluss hervorhebt) eine wesentliche Erklärung für die späteren Spannungen. Die Stichworte lauten: „unbehauste“ und politische Jugend des Älteren und „behauste“ und apolitische Jugend des Jüngeren. Auf der einen Seite der sozialistische Aktivist im Endkampf der Weimarer Republik und im erzwungenen Exil, das ihn zum Sozialdemokraten skandinavischer Prägung werden ließ. Auf der anderen Seite der unpolitische Wehrmachtsoldat, nicht verwurzelt in der alten Arbeiterbewegung. Andersartige, teils gegensätzliche Erfahrungen also, aber (es sei hinzugefügt) auch die beiderseitige Erfahrung der Machtlosigkeit bildeten den lebensgeschichtlichen Hintergrund, als beide heimgekehrt waren aus Exil und aus Krieg und Gefangenschaft und begannen, bei der Neugestaltung des kriegszerstörten Deutschlands als überzeugte Sozialdemokraten mitzuwirken. Brandt gewann in Berlin, Schmidt in Hamburg politisches Profil; sie wurden so zu bundesweit bekannten Führungspersönlichkeiten (Mauerbau und Sturmflut).

Politische Freundschaft entstand bezeichnenderweise in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Dass Brandt auf der Seite der Hitler-Gegner aktiv gewesen war, zeichnete ihn aus. Der ehemalige Wehrmachtsoldat Schmidt empfand es als moralische Entlastung, als Brandt auf dem Parteitag in Hannover (1960) nicht nur die Emigranten-Hetze (die ihn persönlich tief verletzte) und andere üble Geschichtslegenden entschieden zurückwies, sondern zugleich dazu aufrief, zwischen Schuld und Irrtum zu unterscheiden und auch die millionenfache Opferbereitschaft der Bevölkerung nicht zu verachten, nur weil sie schändlich und verbrecherisch missbraucht wurde. Gunter Hofmann meint, dass mit diesem Aufruf Brandts zur versöhnenden gemeinsamen Arbeit „die wirkliche Basis zur engen Beziehung zwischen Brandt und Schmidt“ gelegt wurde. Noch fünf Jahre später schrieb Schmidt dem zum Kanzlerkandidaten avancierten Willy Brandt einen „Brief tiefer Freundschaft und zugleich großen Respekts“.

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Veröffentlicht: 07.10.2012, 15:50 Uhr

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