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Gregor Gysi : Mit sich und seinem Leben im Reinen

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Gregor Gysi im Wahlkampf 1990 Bild: Eastblockworld

Auf so einen hatte sie gewartet, die SED, einst „die“ Partei der DDR. Gregor Gysi erzählt, an was er sich erinnern will.

          „Wir haben gefeiert, gelacht, Konflikte ausgetragen. Eine Existenz der drückenden Enge war es trotz der Mauer nicht. Das Leben ist eben stets reicher, als es später in einer bestimmten Art der Geschichtsschreibung gewesen sein soll. Dann nämlich, wenn im Nachhinein die Vielfalt unzähliger lebendiger Biographien nur noch politischen Tendenzen zugerechnet werden soll. Was unser Leben prägte, ihm Kraft und Substanz gab, es bleibt Besitz, im Positiven wie im Negativen.“ Diese Sicht auf die DDR-Wirklichkeit und das Plädoyer für die Akzeptanz spezifisch ostdeutscher Lebenswege im wiedervereinigten Deutschland ist ein zentrales Thema der unlängst erschienenen Autobiographie von Gregor Gysi, der am 16. Januar seinen 70. Geburtstag feiert. Die Frage nach dem Wert der eigenen Biographie und die pauschale Geringschätzung ostdeutscher Lebenswege im wiedervereinigten Deutschland beschäftigt viele ehemalige DDR-Bürger. Dies ist bis zu einem gewissen Grad unabhängig davon, ob einer nun prominent ist oder nicht, ob er oppositionell, angepasst oder gar Systemträger war oder ob sich seine Einstellung zum SED-Staat im Laufe der Zeit gewandelt hat. So spricht sich beispielsweise auch der ehemalige Oppositionelle und heutige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, für eine „differenzierte Bewertung von Biographien“ aus. In seiner Autobiographie „Wir Angepassten“ schreibt auch er vom „normalen Leben“ in der DDR, indem man „zur Schule gegangen ist,“ „Berufe erlernt, Familien gegründet“ und „Weihnachten gefeiert“ hat. „Wir haben gelebt. Auch in der Diktatur schien die Sonne.“ Im Gegensatz zu Gysi betont Jahn jedoch die Brüche in seiner und vielen anderen Biographien, die Zerrissenheit zwischen Anpassung und Widerstand. Diese Brüche kannte Gysi nicht, er war konstant ein Vertreter der Nomenklatura, wenn auch ein sehr origineller und scharfsinniger.

          Gysis Leben in der DDR war von Geburt an ein privilegiertes – seine Eltern, beide eher großbürgerlicher Herkunft, gehörten zur „kommunistischen Aristokratie“ des SED-Staates: Der Vater, Klaus Gysi, seit 1931 KPD-Mitglied, war unter anderem Kultusminister, Botschafter in Italien und Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR; die Mutter, Irene Gysi geb. Lessing, war mit ihrem Mann im kommunistischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv und nach 1949 unter anderem Abteilungsleiterin im Ministerium für Kultur der DDR.

          Gysi beschreibt seinen Lebens- und Karriereweg im Spannungsfeld von Staatsloyalität und systemimmanenten Handlungsspielräumen, die er mal für sich und mal für andere, auch seine Mandanten, zu nutzen vermochte. Er nimmt nicht zu Unrecht für sich in Anspruch, mit Cleverness manchem Apparatschik ein Schnippchen geschlagen zu haben, was er noch heute zu genießen scheint. Als Bespiel führt er der Leserschaft vor Augen, wie er die wiederholten Versuche, ihn zum Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) einzuziehen, letztlich erfolgreich konterkarierte.

          Aber dies war nur eine Seite des Lebens des Gregor Gysi in der DDR, wenn auch die sympathischere. Entscheidender für die Beurteilung seiner Rolle ist jedoch seine politische Loyalität zum SED-Regime, seine konsequent verfolgte Karriere und nicht zuletzt das dafür notwendige Durchsetzungsvermögen mit komplementärer Anpassungsbereitschaft: Er war jüngstes Mitglied des „Berliner Rechtsanwaltskollegiums“, avancierte 1988 zu dessen Vorsitzendem und Mitte 1989 zum Vorsitzenden des „Rates der Vorsitzenden der Rechtsanwälte“ in der gesamten DDR. Bereits Ende der siebziger Jahre war er einer der bekanntesten Rechtsanwälte der DDR. Eine solche, weitgehend reibungslos verlaufende Karriere wäre ohne seinen familiären Hintergrund, bei dem der Eintritt in die „Sozialistische Einheitspartei“ (SED) unmittelbar nach dem Erreichen der Volljährigkeit gleichsam eine Selbstverständlichkeit war, kaum denkbar gewesen: „Es war meine feste Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen“, so Gysi. Das allein hätte aber nicht gereicht. Aktives Engagement für die Sache des Staatssozialismus war gefordert: So war er während des Studiums an der Humboldt-Universität FDJ-Sekretär und Mitglied der Sektionsparteileitung. Während seiner Anwaltstätigkeit wurde er Parteisekretär der Grundorganisation des „Berliner Rechtsanwaltskollegiums“ – eine politische Schlüsselfunktion, die ihn in den Kreis der Nomenklaturkader, also der zukünftigen Partei- und Staatselite der DDR aufsteigen ließ.

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