http://www.faz.net/-gpf-93beb

Global Kooperation : Dem Zwiespalt auf der Spur

  • -Aktualisiert am

Das Containerschiff „CSCL Indian Ocean“ liegt am 06.02.2016 auf der Elbe Bild: dpa

Gescheiterte Staaten oder gar „failed regions“ machen Armuts- und Kriegsmigration zum Dauerproblem. Asymmetrische Kriege im Zeichen eines globalen religiös-fundamentalistischen Terrorismus bestehen fort. Gleichwohl Brennpunkte sozialer Konflikte funktionieren Mega-Cities als Globalisierungsknoten weltweiter Vernetzung. Wie ist auf diese zwiespältige Globalisierung zu reagieren?

          Im Brockhaus der 1970er Jahre sucht man vergeblich nach dem Wort Globalisierung. Das neuartige Phänomen war im Bewusstsein kaum verankert und daher im Sprachgebrauch nicht vorhanden. Ein früheres deutsches Synonym lautete „Weltverkehr“. Für den Münchner Politikwissenschaftler Jürgen Turek dominiert Globalisierung nicht nur die Gegenwart, sondern formiert auch unsere Zukunft, indem die Ökonomie als Motor fungiert und durch Megatrends alle kulturellen und sozialen Bereiche wie auch das natürliche Umfeld verändert.

          Konzentrisch kreisend geht Tureks Studie von der Perspektive der deutschen, europäischen und westlichen Gesellschaften aus, um Wechselbeziehungen von einander abhängiger global vernetzter Gesellschaftswelten zu betrachten. Inzwischen ist schon von der dritten Globalisierung die Rede. Die erste setzte mit der weltweiten Seeschifffahrt, der Entdeckung Amerikas und dem Handel mit China im 15./16. Jahrhundert ein. Die zweite war durch die industrielle Revolution mit Dampfmaschine, Eisenbahn und Telegraphie gegen Ende des 19. Jahrhunderts bedingt, unterbrochen von den beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg, während die dritte, verursacht durch die Liberalisierung der Finanzmärkte, die Standardisierung der Handelsmechanismen und die Digitalisierung der Wirtschaft mit computergestützter Containerschifffahrt von 1989 an ihren Durchbruch erlebte.

          Der bis dato bestehende Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus löste sich nun auf. Neue Verteilungskonflikte verschärften sich. Der „globale Gutmensch“ trat nicht in Erscheinung. Stattdessen brachen sich die Ideologie der freien Märkte sowie die Interessen der Finanzbranche und multinationalen Unternehmen Bahn. Deren Vernetzungsprozesse waren und sind für die Politik nicht mehr steuerbar. In den 2000er Jahren entzündete sich daher Kritik an international agierenden Banken und transnationalen Konzernen durch „zornige soziale Bewegungen“ wie Attac und Occupy.

          Gewaltsame Reaktionen wie zuletzt beim G-20-Gipfel in Hamburg waren Ausdruck des Kampfs um die Deutungshoheit der Konsequenzen von Globalisierung. Ihre Janusköpfigkeit äußert sich durch „Glokalisierung“, die globale Entgrenzung mit lokaler Kompensation in dialektische Beziehung setzt. Turek bietet eine Vielzahl von Befunden und Prognosen: Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft verlagert sich nach Asien. Bis jetzt hat noch kein globaler Handelskrieg stattgefunden. Der asiatisch-pazifische Raum wird jedoch im 21. Jahrhundert die größte Freihandelszone der Welt.

          Die EU ist der am weitesten integrierte Markt der Welt mit hoher Attraktivität. Das Bewusstsein für eine konsequente Energiewende und echte europäische Energiepolitik ist gewachsen. Der Klimawandel, verursacht durch menschliche und natürliche Einflüsse, ist keine „Erfindung der Chinesen“, wie der scheinbar mächtigste Mann der Welt äußerte, sondern eine Realität, wobei ein Zusammenhang mit der Migrationsentwicklung besteht. Freiwilligkeit und die Synchronisierung ihrer Umsetzung sind die Probleme des Pariser Klimaabkommens von 2015 – deshalb gibt es keine Entwarnung.

          Die Ölvorräte erschöpfen sich gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Erneuerbare Energien bestimmen daher die Zukunft. Die Ernährung aller ist möglich – ob sieben oder zehn Milliarden auf der Erde leben. Die Psychologie der Finanzmärkte bleibt problematisch, weil sie dominanter als die reale Wirtschaftsleistung und das Investmentbanking nicht vom Privatkundengeschäft abgekoppelt ist. Die wachsende soziale Ungleichheit provoziert größere politische Konflikte. Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über die Hälfte des weltweiten Reichtums (zirka 110 Billionen US-Dollar).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zähe Sondierungsgespräche : Das Luxusproblem von Jamaika

          Die Wirtschaft boomt. Auf dem Arbeitsmarkt läuft es rund. Flüchtlingszahlen wie vor zwei Jahren sind weit und breit nicht in Sicht. Wieso bloß, liebe Jamaika-Unterhändler, braucht es da endlos lange, zähe Sondierungsgespräche?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.